Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823771--1011-2824097
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

geben, nur dann kann es - nicht bewiesen, aber bewährt werden. Das Gleichnis vom natürlichen Leben zur gläubigen Seele kann - wie jedes Gleichnis - nur inhaltliches Verstehen einer an sich fraglosen Wirklichkeit geben, über Existenz oder Nichtexistenz einer Sphäre, in der es vollziehbar wäre, sagt es nichts aus. Wer die Wirklichkeit der gläubigen Seele leugnet, der ist alier weiteren Problemmühe enthoben. Wer anderseits, ohne nach dieser Wirklichkeit zu fragen, seine Lebensschau an die Wolken projiziert, kann scheffelweis antropo-, theo- oder sonstwie -sophische Erkenntnisse einsammeln und seinen Gläubigen zur Offenbarung raachen, er bewährt, ohne Wissen und Willen, doch die gläubige Seele. Unsere Zeit weiß mehr, redet mehr von der leidenden als von der gläubigen Seele. Die modernen Psychographen begründen die Legende des großen Menschen aus einer inneren Dämonologie, sie lassen ihn nicht, w ie die mittelalterlichen Hagiographen, eine im Glauben gesetzte Möglichkeit realisieren. Die Notwendigkeit des modern geschauten Genius ist eine innere, keine der sich erfüllenden Verheißung, die das Dogma voraussprach. Es ist der Gang, der den Propheten an die Stelle des Priesters, den Ketzer an die des Heiligen bringt; der gläubige Mensch von heute ist der Einsame, während er einst der Allsame war. Was vordem unter dem Dogma Gestaltschicksal der einzelnen Seele war, das ist zur geistigen Institution geworden, es ist Berufung, die sich noch darin erfüllen kann, nicht Auserwähltheit. Man klagt wohl darüber, daß um ein „Homoiousios" keine Schädel mehr gespalten, um ein ^ior'r keine Leiber mehr verbrannt werden. Lnd man stellt sich die Aufgabe, die alte Wahrheit in unsrer Sprache neu zu sagen. Wenn es sich um die Art des Aussprechens handelt, dann ist die der katholischen Kirche die richtigere, die nicht alte Wahrheit sagt, als ob sie neu, sondern neue, als ob sie alt wäre. Die dogmatisch gläubigen waren auch die dogmatisch produktiven Zeiten. - „Ihr würdet mich nicht suchen, wenn ihr mich nicht schon gefunden hättet.44 Ein Denken, welches das Dogma als Wahrheitserkenntnis ernst nimmt, muß mit der radikalen Möglichkeit rechnen, daß die Wahrheit den Menschen völlig verloren gehen kann, mit andern Worten: daß die Wirklichkeit Mensch eine vollendete, abgeschlossene Welttatsache wird. Es ist 26

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.