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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Es war gesagt worden, das Dogma als Glaubensgegenstand sei das sich erfüllende Gestaltungsschicksal der gläubigen Seele, seinem Inhalte nach aber ist es Aussage über außermenschlich Seiendes, über Gott und Welt. Wie vereinigt sich das? Nur dann, wenn Erkenntnis einer Wirklichkeit Teilhaftigwerden an dieser Wirklichkeit bedeutet, wenn die Gestaltvollendung der Seele vom Bewußtsein aus gesehen Erkenntnis der Wirklichkeit heißt. Erkenntnis wie Selbsterfüllung der Seele sind zeitlichen Wesens, geschehen mit in dem Weltgeschehen der sich bewährenden Wirklichkeit. Jede einmal bewährte Wirklichkeit aber ist gewissermaßen räumlich geworden, Begrenzung der künftigen Seelenmöglichkeit und Bestimmung der künftigen Erkenntnismöglichkeit und immer beides in eins. Das Leben des Menschen geschieht in zwei Räumen, deren Beziehung zueinander sich nicht wiederum räumlich, mit Uber-, Unter-oder sonstiger Zuordnung, angeben läßt, deren Beziehung mit dem Wort Seele bezeichnet ist. Handeln wie Denken des Menschen bewähren die Wirklichkeit dieser beiden Räume, nicht weil ein Erkenntnisfrrefe und ein Wille des Menschen sich auswirken, sondern weil die Seele als ein Lebendiges Selbstvollendung bedeutet, und Selbstvollendung der außerseelischen Wirklichkeit bedarf, in der sie Begrenzung, Gestalt empfängt. Leben setzt immer Gelebtes zeitlich und bedingend voraus, Leben als reine Aktualität ist eine unvollziehbare Vorstellung. Aber nicht weil das Leben schöpferisch wäre, sondern weil die Natur unerschöpflich ist, geht der Strom der Gestaltenfülle weiter. Und doch, nicht weil die Natur unerschöpflich ist, sondern weil jede Gestalt sich in sich vollenden kann, ist Leben, ist Gestaltungsgang überhaupt möglich. Glaube ist seelisches Leben. Er wäre unmöglich ohne ein Bereich der Unerschöpflichkeit ebenso wie ohne die Tatsächlichkeit vollendeter, zeitlich und bestimmend vorausgesetzter Glaubensbedingtheit, ohne Dogmen. Die Geschichte der Religionen lehrt, daß Glaubensinhalte wechseln und sich wrandeln, und sie glaubt, ihrer „Pflicht zur Objektivität4' Genüge zu tun, indem sie die späteren aus den früheren herleitet. Da scheint es dann dem OfFenbarungscharakter der Dogmen abträglich zu sein, daß sie nicht wie aus dem Himmel gefallen erscheinen, daß sie der Zeit pflichtig sind. Und doch offenbart sich die übernatürliche Wirklichkeit in dem „Gestaltwandel der Götter" geradeso, wie sich die na- 24

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