Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn ein Dogma als dogmatischer Irrtum erwiesen ist, so ist an diesem Teile Glaube zu Aberglauben geworden. Wer heute noch glaubt, der Schöpfungsbericht sei wörtlichzunehmende Tatbestandsschilderung, der ist abergläubisch. Aber der Ubergang von Glauben zu Aberglauben, der Wandel von dogmatischer Wahrheit in dogmatischen Irrtum stellt nicht einen Verlust an Glauben dar. Die Wahrheit einer dogmatischen Aussage über den Menschen in der Welt bewährt sich nicht in der l nveränderlichkeit ihrer Wirklichkeitsbeschreibung, sie erweist sich an der Wirklichkeitsmacht nicht des Menschen über die Welt, sondern Gottes über den Menschen. Der naiven Wirklichkeitsdeutung des Menschen der Frühreligion entspricht die primitive Forderung der Gottheit an den Menschen. Je mehr die Welterkenntnis des Menschen fortschreitet, je wirklichkeitsmächtiger er wird, um so gegenständlicher, „sachlicher" im Sinne einer ethischen Sachlichkeit wird das Gebot Gottes an ihm. Der Erweis eines Dogmas als dogmatischen Irrtums ist tatsächlich eine Befreiung, aber eine Befreiung zum Dogma, ein Bereiterwerden des Mensehen zum Empfang der Offenbarung. Daß in der Religion der Offenbarung die Aussagen Gottes über sich zugleich Forderungen an den Menschen gegenüber der Welt sind, das bezeugt die Berechtigung unseres Schlusses, wonach sich die zunehmende Wirklichkeitsmacht des Menschen in der Welt auch an ihm als Offenbarungsempfänger steigend bewähren muß. Mit anderen Worten: das Dogma, die Aussprechbarkeit der Offenbarung, muß in diesem zeitlichen Geschehen wachsen, das Dogma muß ..immer wahrer44 werden. Wahrer6" aber kann das Dogma nur werden in dem Gange von dem Erweis eines dogmatischen Irrtums zum nächsten, in der Voll-endung alles Vollendbaren. Nur, indem das Dogma, der Gestaltungsgang des Glaubens, überall da, wo es , .nicht weitergeht**, wirklieh an das Ende gelangt, geht es da weiter, wo es weitergehn kann. Es liegt wahrhaftig nicht im Interesse des Glaubens, den Dogmenbe-tand zu erhalten, eine Apologetik solcher Art wäre weder nützlich noch schädlich, sie wäre nur vergeudete Zeit. es Gefährlich aber ist jene Kuhhandels-Apologetik, die das eine preisgibt, um das andre bewilligt zu bekommen, denn das Desinteressement des Glaubens ist zwar eine Anerkennung der Wissenschaft, aber das Des- JS interessement der Wissenschaft ist die Aberkennung des Glaubens als wahrhaftige Erkenntnis.