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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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nicht gemeint der Irrtum eines einzelnen Denkers über ein Dogma, das wäre nur das Mißverstehen eines Dogmas und prinzipiell belanglos. Der dogmatische Irrtum ist ein echtes und wahres Dogma, zu dem der Glaube gelangen mußte, weil er dorthin gelangen konnte. Zum Irrtum, zum Glaubensirrtum wird dieses Dogma dadurch, daß es abschließend ist, daß es kein Weiter, kein Darüber-hinaus gibt. Denn — unsre andre Ausgangsthese - es ist nicht deswegen unmöglich, das Dogma zu glauben, weil das zu viel verlangen hieße, sondern weil der Glaube immer mehr glaubt als das Dogma. Oder besser nicht von „dem" sondern von „einem" Dogma gesprochen: nur das noch nicht ganz oder das fast schon nicht mehr geglaubte Dogma ist lebendig. Und nur das lebendige Dogma ist Glaubenssache. Das Dogma als der formulierte Gedanke ist erstarrte Aktualität des Glaubens und also eine Paradoxie, aber gleichwie eine natürliche Lebensform, obgleich sie als Form, als Typus abschließend vollendet sein kann, in den Individuen immer wieder Aktualität der Vollendung wird, ebenso kann auch der dogmatische Irrtum noch echt geglaubt werden, solange individuelle Seelen sich in ihm vollenden können. Dogmatischer Irrtum und als solcher erkennbar ist er darum doch, und es wird unweigerlich der Tag kommen, wo es überhaupt keine Seele mehr gibt, die ihn glauben könnte. So ist durchaus festzustellen, daß die naturwissenschaftliche Erkenntnis Dogmen der Kirche, die ehemals echte Erfüllungen der glaubenden Seele waren, als dogmatische Irrtümer erwiesen und glaubensunmöglich gemacht hat. Falsch ist es nur, aus derTatsache der dogmatischen Irrtümer Argumente gegen den Wahrheitscharakter des Dogmas zu machen. So wenig beweist der dogmatische Irrtum etwas gegen das Dogma als Glaubensnotwendigkeit, wie die ausgelebte, vergangene Lebensform etwas gegen die Form als Lebensnotwendigkeit aussagt. Vielleicht möchte man nun aber folgern, daß es ein geistesgeschichtlicher Prozeß i-ei, der ein Dogma nach dem anderen als Irrtum „entlarve", ein Prozeß also, der schließlich jenseits all und jeden Dogmas endet. Das i>t ja die Meinung der Aufklärung zu jeder Zeit auch gewesen, und es ist eine schwächliche Abwehr, wenn man das Dogma und den Glauben auf irgendein Reservat menschlichen Bedürfnisses rettet. Nur wenn sich erweisen läßt, daß der dogmatische Irrtum nicht gegen sondern für das Dogma zeugt, nur dann ist der Angriff der Aufklärung abgewehrt, weil als Dienst ain Dogma erwiesen. 22

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