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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
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beiden großen Versuche mißlingen, als das, was sie sein sollen, grade darin, daß sie scheinbar zur Vollendung gelangen, daß sie auch ein natürliches Ewigkeitsgleichnis der stehenden Zeit werden. Das Gesetz Israels durchwaltet das ganze Leben so allfältig, daß es unmöglich schien, anders als ganz in ihm zu leben. Das christliche Dogma durchwaltet das Denken so allseitig, daß es unnotwendig schien, anders als in ihm zu denken. Aber Leben und Denken brachen aus beiden heraus, nicht weil Gesetz und Dogma „erstarrt" waren, wie so gern mit dem leidigen Akzent des Fortgeschrittenen gesagt wird, nicht weil sie vor Wirklichkeit und \\ ahrheit nicht bestanden hätten, sondern grade weil sie in der Vollendung ihr Leben und Glauben bewähren konnten, damit aber auch zum Xur¬ Gleichnis aller Vollendung wurden, aller Vollendung innerhalb der geschaffenen Welt. Nun steht das Ewigkeitsgleichnis der stehenden Zeit noch einmal oberhalb der zahllosen Gleichnisse der einzelnen Geschöpfe und seine Dauer wird alle Einzeldauern überschatten. Der Herausbruch des Lebens aus dem Gesetz geschieht da, wo das erfüllbare Gesetz Mosis in den Forderungen der Bergpredigt unerfüllbar wird. War vorher dem Leben das bestimmte Gebot als seine Wahrheit gezeigt, so wird jetzt mit der unmöglichen Gestaltungsaufgabe das Leben als Aktualität, als ewiges Auf-dem-Wege-sein zur Wahrheit. Und der Herausbruch des Denkens aus dem Dogma geschieht da, wo das durchdachte Dogma der Kirche undenkbar wird in dem Gnadengeschenk des Glaubens an die einzelne Seele. War vorher dem Glauben die vom Heiligen Geist gestaltete heilige Kirche als seine Wahrheit gezeigt, so wird jetzt mit der Unmöglichkeit einer Glaubensforderung an die einzelne Seele der Glaube als Passivität, als ewiges In-Erwartung-sein zur Wahrheit. In beiden Fällen aber begreift das Neue sich selbst als die Erfüllung der in dem Alten tubar, allzu tubar - sichtbar, allzu sichtbar gewordenen Verheißung. Ist es denn etwa so, daß wir nun einfach des Gesetzes ledig, über das Dogma erhaben geworden wären, ist das ganze Problem nichts weiter als das der Epochen der Menschheitsgeschichte? Nein, gerade darin, daß sich das Neue selbst nur von dem Alten her begriff, ist diese leichte Behauptung widerlegt. Wir hatten als Ausgangsthese des Denkens über das Dogma hingestellt, daß es den dogmatischen Irrtum gebe. Der dogmatische Irrtum, damit ist 21

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