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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Was ist das Dogma? Das Dogma ist die menschliche Formulierung einer Selbstoffenbarung Gottes, die nur dem Glaubenden verständlich ist - so antworten die einen. Das Dogma ist eine Ausgeburt der Einbildungskraft des Menschen, mit der er sich die Wirklichkeit überbaut - so entgegnen die andern. Offenbar sind beide Antworten unzulängliche Walter der Sache, denn sie gehen beide nicht auf den Tatbestand, sondern auf seine Theorie. Die eine behauptet, daß es eine Wirklichkeit gebe, die nicht von dieser Welt sei, und eine Fähigkeit des Menschen, sie zu erfassen. Die andre erklärt, daß es keine Wirklichkeit gebe, die nicht von dieser Welt sei, aber einen Trieb im Menschen, sie zu erdichten. Jeder Versuch, dem Dogma jenseits dieser Kontroverse einen Wirklichkeitsort anzuweisen, muß davon ausgehen, daß es wahre und falsche Dogmen geben kann, daß es den dogmatischen Irrtum gibt. Und er muß weiter die Behauptung voranstellen, daß jeder, der von sich sagt, er glaube das Dogma, daß jeder Solche sich irrt oder lügt. Es ist dem Dogmenfeinde radikal zuzugeben, daß es unmöglich ist, das Dogma zu glauben, ebenso, wie es unmöglich ist, das Gesetz zu erfüllen. Es muß begriffen werden, daß in dem Augenblick, wo das Dogma wirklich geglaubt oder das Gesetz wirklich gelebt würde, die Welt am Ende wäre. Es muß aber gleicherweise begriffen werden, daß in dem Augenblick, wo das Dogma radikal nicht geglaubt, das Gesetz radikal nicht gelebt würde, die Welt gleichfalls am Ende wäre. Zweimal ist in der Geschichte der Menschen der ganz groß angelegte Versuch, das Gesetz wirklich zu leben und das Dogma wirklich zu glauben, ganz groß mißlungen: in dem Volke Israel und in der christlichen Kirche. War denn das Gesetz Jehovas lebensfeindlich, das christliche Dogma glaubenswidrig? Nein, aber an diesem Punkte wird deutlich, daß das natürliche Leben nur das Gleichnis des übernatürlichen ist, daß das Leben von Gott her sich nicht einfach fortsetzt in das zu Gott hin. Man hat dem Gebot vorgeworfen, daß es unerfüllbar, dem Dogma, daß es undenkbar sei, und in der Tat - wenn es nur die Fortsetzung des natürlichen Lebens gäbe, so wäre dieserVorwurf berechtigt. Im natürlichen Leben wird wirklich die „Richtigkeit" des Lebensganges durch die Vollkommenheit in dem erlebten Ziele, durch die Vollendung sichtbarlich, leibhaft, im Ewigkeitsgleichnis der stehenden Zeit bewährt. Und jene 20

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