Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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kennzeichnet die aktuelle Lebendigkeit einer Epoche des individuellen wie des gesamten Lebens, aber in dieser Kurve ist dem Leben wesentlich nur, daß es ein Steigen ist, Herrschaftsanslieg wird sie allein dadurch, daß Welt Beherrschbarkeit ist. Wenn man ein überall waltendes Gesetz des Lebens zu erkennen versucht, eines, das die Vereinzelung des Lebendigen zum einigen Geschehen des Lebens macht, so kann es nur das sein, daß allein die Vollendung einer Lebensformung zugleich der Wirklichkeitseinbruch einer neuen, nur jetzt und hier möglichen Formung ist. Das Leben kennt gleichsam nur negative Entscheidungen, Entscheidungen gegen sich selbst, die dann malgre lui zu Entscheidungen für ein Anderes, ein Neues werden. Man verwundert sich - und gern mit betonter Demut - der Vollkommenheit jeder Form des kreatürlichen Lebens im ganzen Bereich der Natur. Man sollte sich einmal dieses Verwundern selbst zum Problem machen. Das Leben kann seiner Natur nach keinen Gestaltungsweg gehen, der nicht zur Vollendung führen muß - das ist die unvitalistische Formulierung der „Zielstrebigkeit44 des Lebens. Zur Vollendung führen kann aber nur bedeuten: den Weg durch das Ziel bewähren, im Falle des Natürlichen also die Weltwirklichkeit des Weges durch die Weltmächtigkeit des Zieles, die vitale Autonomie, die Selbstbehauptung des biologischen Individuums. Mit der Spanne des Beharrens am erreichten Ziele, nämlich der Vollendung des biologischen Individuums spricht der Schöpfer sein „Es ist gut44, mit dem Tode spricht er sein „Es werde4*. Das Gesetz der negativen Entscheidung gilt auch für die Seele drs Menschen. Der Mensch kann sich nicht entscheiden, so oder so zu sein, rr kann sich nur entscheiden, so oder so nicht zu sein. Und er kann sieh nur dann entscheiden, so nicht zu sein, wenn er so ist, und erst dann, wenn er weiß, daß er so ist. Das ist der Sinn des „Pecca fortiter'% dieses so sehr mißverstandenen Wortes. Wenn der Mensch vermeint, sich zu entscheiden, so oder so zu sein, so wird er zur Karikatur dessen, wofür er sich entscheidet. Wenn der Mensch vermeint, das Dogma oder ein Dogma zu bejahen, so wird er zur Karikatur des oder dieses Gläubigen. Es ist kein Zufall, daß kein Stand in so vielen Exemplaren die Karikatur seiner selbst ist wie der des Geistlichen. 19