Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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mein Inneres. Daß ich es jetzt, gerade jetzt sagen kann, nicht vorher und nicht nachher, das macht es zur Wahrheit, zur Vollendung einer Lebenswirklichkeit, zur gelebten Wahrheit. — Daß alle Wahrheit aussprechbar sei, oder mit anderen Worten: daß jeder Inhalt seine ihm einzig gemäße Form oder jede Form ihren einzig gemäßen Inhalt habe, damit ist ja nichts andres in Worte gegeben als das Lebensgesetz der Individuation. Und wie niemand vor dem Tode glücklich zu preisen ist, so ist keine Erkenntnis der Wahrheit zugehörig, ehe sie als lebendige Erkenntnis, als Erkenntnisa&t gleichsam gestorben ist, ehe sie nicht ganz zu dem ward, was vorher nicht war, aber in ihrer Aktualität wurde: zu der einzigen Form dieses einzigen Gehalts. Niemand ist vor dem Tode glücklich zu preisen. Nicht jedes gelebte Leben ist Glück, ist Einklang von Bestimmung und Schicksal. Nicht jede ausgesprochene Erkenntnis ist Wahrheit, ist Offenbarung der Form im Gehalt und des Gehalts in der Form. Es gibt den Irrtum des Lebens, mißbildetes Leben, gleichwie es den Irrtum der Erkenntnis, mißkannte Wirklichkeit gibt. Sieht man den Menschen als das autonome Individuum innerhalb der geistigen Wirklichkeit an, als die Zentralsonne im Weltall des Geistes, so ist der Irrtum unendlich wahrscheinlicher als die Wahrheit. Wäre der Mensch bestimmungslos, nur selber bestimmend, in die Welt gestellt, so wäre das Glück, das erfüllte Leben, eine LTnmöglichkeit. Denn nicht durch seine Unteilbarkeit, sondern durch seine TeiZhaftigkeit, durch sein Bestimmtsein also ist das, was sein Leben verwirklicht, was sein Denken erkennt, Wahrheit, Erfüllung einer in seiner Existenz mitgesetzten Verheißung. Die Behauptung, daß die Sprache der Lebensraum der Wahrheit sei - ein Lebensraum aber umschließt Geburt und Tod - diese Behauptung steht unter dem Gericht der Frage, ob der Mensch eine Bestimmung habe. Wer diese Frage verneint, für den gilt, wenn es überhaupt so etwas wie Wahrheit gibt, daß jedenfalls alles Dogma nicht Wahrheit sei. Ihm ist nur zu entgegnen, daß, wenn die Bestimmung des Menschen Bestimmung und nicht Knechtschaft sein soll, es Menschen geben muß, welche die Bestimmung leugnen. Eine Bestimmung ist ja nicht ein an das Ende der Zeiten gesetztes Ziel, zu dem hin sich die Menschheit entwickelte, das also ganz allein zukünftig wäre. Sie ist etwas immer Gegenwärtiges, 16