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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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RUDOLF EHRENBERG ÜBER DAS DOGMA Alles Denken geschieht in Worten, was nicht aussprechbar ist, das ist nicht wahr, es gibt keine Wahrheit die nicht aussprechbar wäre. Die Sprache in ihrer Allheit ist die Verheißung zu jeder, aber auch jeder Selbstvollendung des Geistes. Das ist so wenig eine Relativierung der Erkenntnis, wie die Tatsache, daß im unbehauenen Marmor jegliche Gestalt schlummert, eine Relativierung bildnerischer Vollkommenheit ist. Aber die Sprache als Verheißung ist eine völlig andere, eine unendlich viel positivere Aussage als der Marmor als Bildstolf. Die Sprache ist dem Menschen angeschaffen, ihre Totalitätsverheißung ist zugleich eine Totalitätsverpflichtung: alles Aussprechbare muß einmal gesprochen sein, nicht aller Marmor muß behauen werden. Diesen Behauptungen von der Alleinwahrheit des Aussprechbaren und von der Aussprechbarkeit aller Wahrheit wird widersprochen, heute vielleicht heftiger als in früheren Zeiten. Der erste Widerspruch gründet sich einmal auf die Gegenbehauptung, daß alles Ausgesprochene eben darum nicht mehr die Wahrheit sei, sondern nur dafür stehe, daß es Geltung habe, und daß die Geschichte des Geistes der Aufgang und Niedergang von Wahrheitsgeltungen sei. Er gründet sich zum anderen auf die Gegenbehauptung, daß nicht nur nicht alle Wahrheit aussprechbar, sondern daß vielmehr das L naussprechliche die eigentliche Wahrheit sei, die Wahrheit des Herzens. Die „Wahrheit des Herzens" pflegt ja um so höher im Kurswerte einer Zeit zu stehen, je niedriger die ausgesprochene ahrheit - das Dogma - bewertet wird. Und doch sind es wahrlich nicht die herzschwächeren Menschen und Zeiten, die etwas aussprechen können und aussprechen müssen, um es wahr zu haben. Ihnen erscheint die Sprache auch nicht als ein mehr oder minder zureichendes Mittel zur Gestaltung einer im Inneren lebendigen Wahrheit, sondern als Auftrag, dem sie zu gehorchen haben, sie selbst sind Mittel zu dem Zweck, daß Wahrheit offenbar werde. Wenn etwas ausgesprochen wird, was zuvor innerstes Leben des Herzens war, so offenbart es seine Wahrheit in dem Entsiegeltwerden der Lippen, in dem plötzlichen Sagenkönnen dessen, was vorher unsagbar war. Die Aktualität einer Aussage macht sie zur Wahrheit über 15

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