Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
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ist ein abstraktes Leben. Auf dieser Grundlage entstehen alle Illusionen des Humanismus. Das, was dem Menschen als Befreiung, als Erlangung von Individualität und schöpferischer Energie erscheint, ist die Verknechtung seines geistigen Wesens an den natürlichen Kreislauf, ist der Zerfall der Persönlichkeit. Das macht sich endgültig bemerkbar auf dem Gipfel des humanistischen Prozesses der Geschichte der Neuzeit. Der Humanismus nahm den Menschen nicht konkret, nicht in seinen geistigen Zusammenhängen und Verwachsenheiten, sondern abstrakt, als ein sich selbst genügendes Atom der Natur. Dieser Weg trat in der Renaissance- Epoche nicht sofort deutlich zutage. Aber er wurde im Verlauf der neueren Geschichte immer klarer und klarer. Dieser Weg mußte unvermeidlich zum extremen Individualismus und extremen Sozialismus als den zwei Formen der Atomisierung, des abstrakten Zerfalls der Gesellschaft und der Persönlichkeit führen. Zwei Geistesherrscher der neuen Epoche - Fr. Nietzsche und K. Marx - haben mit genialem Scharfsinn zwei Formen der Selbstverneinung und Selbstvernichtung des Humanismus gezeigt. Bei Nietzsche verneint und vernichtet sich der Humanismus in individualistischer Form, bei Marx in kollektivistischer. Der abstrakte Individualismus und der abstrakte Kollektivismus sind erzeugt durch ein und dieselbe Ursache - durch das Abtrünnigwerden des Menschen von den göttlichen Grundlagen des Lebens, durch seinen Abfall von der Konkretheit. Nietzsche ist ein Kind des Humanismus der Geschichte der Neuzeit und dessen Opfer; er büßt für dessen Sünden. Im Lebensschicksal Nietzsches schlägt der Humanismus in sein Gegenteil um. Nietzsche empfindet den Menschen als Gelächter und schmerzliehe Scham, er lechzt nach der Uberwindung des Menschen, sein Wille ist auf den Übermenschen gerichtet. Nietzsches Moral erkennt den Wert der menschlichen Persönlichkeit nicht an, sie bricht mit der Humanität, sie predigt Grausamkeit gegen den Menschen, im Namen übermenschlicher Ziele, im Namen des Fernen und der Ferne, im Namen der Höhe. Der Ubermensch tritt bei Nietzsche an Stelle des verlorenen Gottes. Er kann und will nicht beim Menschlichen, Nurmenschlichen bleiben. Im übermenschlichen Individualismus Nietzsches geht das Idealbild des Menschen zugrunde. Zugrunde geht das Idealbild des Menschen auch in dem übermenschlichen Kollektivismus Marx9. Marx ist geistig aus der humanistischen Religion Feuerbachs hervorgegangen. Aber auch in ihm 120