Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 119)
- Language
- German
- Belongs to
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er erdenkt sich einen Ersatz und Surrogate geistiger Gemeinschaft und geistigen Zusammenhanges, er schajßFt sich Pseudokirchen. Der extreme Soziologismus des Weltempfindens und Weltbewußtseins ist nichts als die Kehrseite tiefer Isolierung, tiefer Einsamkeit des Menschen. Innerlich voneinander getrennte Atome versuchen sich äußerlich miteinander zu vereinigen. Der extreme Soziologismus ist seinem philosophischen Sinn nach nur die Kehrseite des extremen Individualismus, die Atomisierung der menschlichen Gesellschaft. Die in der Renaissance-Epoche emporstrebende menschliche Individualität lebte noch in organischen geistigen Ganzheiten und nährte sich von ihnen, sie stellte kein losgelöstes Atom dar. Sie spielte und gestaltete frei, indem sie noch eine geistige Grundlage besaß. Sie hatte sich noch nicht so sehr der Sozialität hingegeben, um sich selbst vor Einsamkeit, vor geistigem und materiellem Hunger zu retten. Die zur Religion gemachte Sozialität ist das zweifellose Ende der Renaissance, sie ist die Erschöpfung der menschlichen Individualität, die sich in der Renaissance-Epoche emporgerungen hatte. Der extreme Individualismus und der extreme Sozialismus sind zwei Endformen der Renaissance. Sowohl in der einen als auch in der anderen wird die menschliche Individualität gelockert, in ihnen verblaßt das Ideal-Bild des Menschen. Der von den göttlichen Grundlagen des Lebens, von der geistigen Konkretheit losgelöste abstrakte Humanismus muß zur Vernichtung des Menschen, zur Vernichtung des menschlichen Idealbildes führen. Das menschliche Antlitz ist wie jede wahre Realität nur in geistiger Konkretheit, nur in einem Verwachsensein gegeben, in der die göttliche Einheit die ganze menschliche Vielfältigkeit in sich aufnimmt, und es schwindet in der Abstraktheit, in der Losgelöstheit. Der humanistische Prozeß der Geschichte der Neuzeit ist der Ubergang des Menschen von der geistigen Konkretheit, in der alles organisch verwachsen ist, zur abstrakten Zerrissenheit, in welcher der Mensch sich in ein isoliertes Atom verwandelt. In dieser Flucht von der Konkretheit zur Abstraktheit hoffte der Mensch der Geschichte der Neuzeit seine Befreiung zu finden, seine Individualität zu festigen, schöpferische Energie zu erlangen. Der Mensch wollte sich befreien, wollte sich von jener Gnade Gottes abwenden, die das Idealbild des Menschen wiederhergestellt hatte und es geistig nährte. Der Humanismus ist die Negation der Gnade, ist Losgelöstheit von der Gnade. Doch ist nur das Leben in der Gnade konkret, das Leben außerhalb der Gnade 119