Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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schlägt der Humanismus, jedoch auf eine andere Weise, in sein Gegenteil um, er verwandelt sich in Antihumanismus. Marx empfindet die menschliche Individualität als einen Bestandteil der alten bürgerlichen Welt, er fordert ihre Überwindung im Kollektivismus. Marx' Moral erkennt den Wert der menschlichen Persönlichkeit nicht an, - er bricht mit der Humanität und predigt die Grausamkeit gegen den Menschen im Namen des Kollektivs, im Namen des kommenden sozialistischen Zukunftsstaats. Das Kollektiv tritt bei Marx an Stelle des verlorenen Gottes. Er will und kann ebenfalls nicht beim Menschlichen, beim Humanen bleiben. Marx' Kollektivismus enthält in der Tat etwas Unmenschliches und Gegenmenschliches, in ihm verschwindet die menschliche Persönlichkeit, in ihm verblaßt das menschliche Idealbild. Marx' Kollektivismus erkennt die menschliche Individualität mit ihrem unendlichen Innenleben nicht an, die noch vor kurzem von dem Humanismus Herders und Goethes anerkannt und gepriesen wurde. Marx ist ein ebenso legitimes Kind der Geschichte der Neuzeit wie Nietzsche. Sowohl in dem einen als auch in dem anderen vollzieht sich das Ende der Renaissance, jedoch in verschiedener Weise. Nietzsche war der Renaissance zugewandt, er wollte mit dem schöpferischen Schwung der Renaissance leben, aber er war bereits zur neuen Dimension übergegangen, in der es keine Rückkehr zu den Grundlagen der historischen Renaissance mehr gibt. Marx war der Renaissance, als einer „bourgeoisen" Welt, endgültig abgewandt und lechzte nach einem neuen Reich, in welchem schöpferischer Überfluß nicht mehr möglich sein wird. Weder das Werk Nietzsches, noch das Werk Marx' war ein Triumph des Menschen, sie waren nur eine Entlarvung der humanistischen Illusionen. Nach ihnen ist der schönselige Humanismus unmöglich, unmöglich auch die pathetische Begeisterung für humanistische Ideen, unmöglich der naive Glauben an die Humanität. Ebenso wird der Mensch auch bei Max Stirner verneint, der dem Humanismus schwere Schläge versetzt. Das menschliche Mittelreich, das Reich der sieh selbst genügenden Humanität, zersetzt sich und wird überwunden; die Enden und Schranken treten zutage, die Grenzen des Menschen werden überschritten. Auf dem Menschlichen allein kann man sieh nicht halten. Zugleich hiermit endet auch die Renaissance, die ein schöpferisches Spiel der Kräfte des menschlichen Mittelreiches war, die den Anspruch erhob, ein vollkommenes, freudiges und schönes Leben in einem humanistischen 121