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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 118

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 118)
Language
German
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malmt. Das ist nun einmal Lebensgesetz: Die menschliche Individualität ist stark, blühend und gehaltvoll, solange sie überpersönliche und übermenschliche Realitäten und Werte anerkennt und sich diesen unterordnet; die menschliche Individualität ist geschwächt, verwüstet und sie verblüht, sobald sie diese nicht anerkennt. Der Individualismus macht die ganze Willenseinstellung der menschlichen Individualität gegenstandslos, auf nichts gerichtet, ziellos. Und bis zu dieser Inhaltslosigkeit hat den Menschen der Pseudohumanismus gebracht; er hat die Seele des Menschen in eine Wüste verwandelt. Aber im Humanismus war die große Aufgabe, das große Thema vom Menschen gestellt worden. Durch die tragische Dialektik der Geschichte der Neuzeit wird dieses Thema offenbar. Und so kann die Erscheinung des Humanismus selbst nicht als reiner Verlust, nicht als reines Übel betrachtet werden. Das wäre ein statischer Standpunkt. Das humanistische Experiment hat auch eine positive Bedeutung. Der Mensch mußte es in seinem Schicksal durchmachen. Der Mensch mußte durch die Freiheit hindurchgehen und Gott in der Freiheit annehmen. Darin besteht der Sinn des Humanismus. ★ ★ ★ Jener Gestaltwandel des Humanismus, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts stattfindet, stellt ein endgültiges Verlöschen der Renaissance, eine endgültige Verausgabung ihrer schöpferischen Kräfte dar. Das freie und sprudelnde Spiel überschüssiger Menschenkräfte geht seinem Ende entgegen. Vom Geist der Renaissance ist auch nicht mehr eine Spur vorhanden. Alles geistig Bedeutende und Schöpferische ist am Ende des 19. und 20. Jahrhunderts den religiös-christlichen Quellen des Menschen zugewandt. Die heidnischen Strömungen dieser Periode sind oberflächlich, und es wäre vergebene Mühe, in ihnen den Geist der Antike zu suchen. Der überkultivierte Mensch macht nicht eine Renaissance, sondern eine Dekadence durch. Die Dekadence ist eine der Formen des Endes der Renaissance. Den Gipfel der Kultur der neueren Geschichte erklomm der Mensch erschöpft und zerschlagen, gebeugt unter der Last der allzu komplizierten, vom religiösen Zentrum losgelösten Geschichte. Der Mensch vermag die Einsamkeit nicht zu vertragen, in die ihn die humanistische Geschichtsepoche geworfen hat, - er gerät durch diese Einsamkeit in Zersetzung, 118

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