Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 117)
- Language
- German
- Belongs to
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v/erden sowohl eine neue zivilisierte Barbarei, als auch eine neue religiös - asketische Disziplin durchmachen müssen, ehe die Morgenröte einer neuen, noch unbekannten Renaissance aufdämmert. Aber im historischen Leben ist bereits alles so verbraucht, daß wir uns fragen, ob die von neuem erwachten schöpferischen Kräfte des Menschen nicht auf eine andere VI elt gerichtet sein werden. Die Kräfte des natürlichen Menschen sind beschränkt. Der Eigendünkel des natürlichen Menschen führt ihn zum Fall, denn er sagt sich von den Quellen des Lebens los. Der vom geistigen Menschen losgelöste natürliche Mensch schafft sich ein illusorisches Leben, er ist gebannt von illusorischen Gütern. Es muß als Lebensgesetz anerkannt werden, daß der Mensch in diesem beschränkten und relativen irdischen Leben nur dann Schönes und Wertvolles schafft, wenn er an ein anderes Leben glaubt - an ein unbegrenztes, absolutes, unsterbliches Leben. Die ausschließliche Hinwendung zu diesem begrenzten und den Tod in sich tragenden Leben untergräbt letzten Endes die schöpferische Energie des Menschen, sie führt zur Selbstzufriedenheit und Selbstgenügsamkeit, sie macht den Menschen hohl und oberflächlich. Wahrer Schöpfer kann nur der geistige Mensch sein, der im unendlichen und unsterblichen Leben wurzelt. Aber der Humanismus hat den geistigen .Menschen abgelehnt, er hat die Ewigkeit an die Zeit verraten und den natürlichen Menschen an die beschränkte Oberfläche der Erde gebunden. Und so wurde dieser natürliche Mensch, der eine allzuhohe Meinung von sich hatte, wehrlos gegen die ihn von allenSeiten umringenden Naturgewalten und N aturgeister. Das geistige Antlitz des Menschen kann nicht durch die Kräfte des natürlichen Menschen beschützt werden. Es setzt den geistigen Menschen voraus. Ohne religiös-asketische, einschränkende, distanzierende, das Niedere dem Höheren unterordnende Momente ist das Sein der Persönlichkeit undenkbar. Aber die Geschichte der Neuzeit war aufgebaut c5 auf der Illusion, daß ein Aufblühen der Persönlichkeit ohne diese religiösasketischen Momente möglich sei. Die neuere Geschichte, die von der Renaissance ihren Ausgang nahm, entfaltete den Individualismus. Aber der Individualismus erwies sich als Verderben der menschlichen Individualität, als Vernichtung der Persönlichkeit. Und so machen wir das qualvolle Ende des jeglicher geistigen Grundlage beraubten Individualismus durch. Der Individualismus hat die menschliche Individualität verwüstet, er hat die Persönlichkeit ihrer Form und ihres Inhaltes beraubt, hat sie zer- 117