Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 116)
- Language
- German
- Belongs to
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Vorbereitung auf ein anderes Leben sei. Alle Verwirklichungen der Geschichte sind große Mißerfolge. Mißlungen ist die Renaissance, mißlungen die Reformation, mißlungen die Aufklärung, mißlungen die auf der Aufklärung beruhenden Revolutionen und zerschlagen deren Illusionen, mißlingen wird auch der die Welt durchdringende Sozialismus. Im historischen Leben der Menschheit wird nie das realisiert, was der Mensch sich zum Ziel setzte. Doch werden große Werte geschaffen, die der Mensch sich gar nicht bewußt zum Ziel setzt. Die Renaissance ist mißlungen, sie erreichte nicht die Vollkommenheit, die Vollendung in irdischer Schönheit und irdischer Freude durch Wiedergeburt der Antike. Aber sie hat große Werte geschaffen, und ihre Mißerfolge tragen das Siegel unsterblicher Schönheit. Solcher Art sind die Mißerfolge des gespaltenen Quattrocento. Von der Renaissance nahm die Geschichte der Neuzeit ihren Anfang. Aber auch die Reformation, die Aufklärung, die französische Revolution, der Positivismus des 19. Jahrhunderts, der Sozialismus und Anarchismus - das alles war bereits Zersetzung der Renaissance, Zutagetreten innerer Widersprüche des Humanismus und allmähliches Nachlassen der schöpferischen Kräfte des Menschen. Je weiter der europäische Mensch sich von der Renaissance entfernte, desto mehr versiegten seine schöpferischen Kräfte. Seine größten Aufschwünge waren verknüpft mit der Rückkehr zum Mittelalter, zu den christlichen Quellen, wie z. B. am Anfang des 19. Jahrhunderts in der romantischen Bewegung und am Ende des 19. Jahrhunderts in der neuromantischen und symbolistischen. Es liegen triftige Gründe für die Annahme vor, daß nur durch eine neue religiös asketische Epoche die schöpferischen Kräfte des Menschen eine Wiedergeburt erleben können und die Menschenwürde wiederhergestellt werden kann. Nur eine solche Epoche, die zu den geistigen Quellen des Menschen zurückkehrt, kann die Kräfte des Menschen konzentrieren und die Zermalmung seines Bildes verhindern. Dahin muß der Mensch auf dem Gipfel seiner neueren Geschichte gelangen, wobei er von neuem von allen Seiten der Gefahr ausgesetzt ist, von den Dämonen zermalmt zu werden. Nach der Erschöpfung und Verausgabung der geistigen Kräfte des Menschen, nach den Irrwegen durch die Wüsten des Seins, nach der Erschütterung des Menschenbildes, kann man zu keiner neuen Renaissance gelangen. Wenn man schon eine Analogie ziehen will, so nähern wir uns nicht der Renaissance, sondern dem dunklen Anfang des Mittelalters und 116