Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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alles dem Christentum. Irgendeine neue geistige Schulung, die den Geist gestählt und diszipliniert hätte, vermochte und verstand der europäische Mensch nicht zu erwerben. Er hat seine Kräfte verbraucht, hat sich selbst vergeudet und erschöpft. Und wenn er dabei geistig am Leben geblieben ist, so doch ausschließlich dank den christlichen Grundlagen seiner Seele. Das Christentum lebte auch noch in seiner säkularisierten Form in ihm fort und verhinderte seine vollständige Zersetzung. Der Humanismus stand am Anfang seines Auftretens noch dem Christentum nahe, er zehrte aus zwei Quellen: aus der Antike und aus dem Christentum. Und er war fruchtbar und schön in seinen Resultaten in dem Maße, als er dem Christentum nahe war. Als der Humanismus sich von der geistigen Tiefe losriß und an die Oberfläche zu kommen begann, fing er an zu entarten. Der Humanismus bejaht nicht von vornherein den .Menschen ohne Gott und gegen Gott. Der Humanismus des Picco della Mirandola und vieler Theosophen der Renaissance-Epoche war nicht solcher Art. Aber im Humanismus lag bereits der Keim des Abfalls von Gott, und aus ihm entfaltete sich jener Humanismus der Geschichte der Neuzeit, der heute seine letzten Früchte - die Verneinung des Menschen - trägt. \ur jener Humanismus, der schon im Christentum im Keime enthalten war und dessen noch nicht endgültig offenbar gew ordene Offenbarung bildet, bejaht den Menschen und schafft Schönheit. Nur er ist mit der Antike verknüpft. Der Humanismus, der mit dem Christentum gebrochen hat, bricht letzten Endes auch mit dem Geist der Antike und vernichtet den Menschen doppelt, indem er seine antiken und christlichen Grundlagen untergräbt. Dies wird o p man an den letzten Früchten des Humanismus sehen. Die heilige Überlieferung der Kultur ist durch tausend Fäden mit der heiligen Überlieferung der christlichen Kirche verknüpft, und der vollständige Bruch mit dieser Uberlieferung führt zum Verfall der Kultur, zum Sinken ihrer Qualität. Die Erschöpfung der Renaissance in der Geschichte der Neuzeit und das Nachlassen ihrer schöpferischen Energie war ein Abrücken sowohl vom Christentum als auch von der Antike. Und jene Teilrenaissancen, welche die Geschichte der Neuzeit kennt, waren eine Rückkehr sowohl zum Christentum als auch zur Antike. Der neue europäische Mensch lebt den antiken oder mittelalterlichen Grundsätzen, oder er erschöpft sich, verödet und sinkt. Die Spaltung der Renaissance, der innere Bruch, den der Renaissance- Mensch durchmachte, wird zum Thema der Geschichte der Neuzeit. In 113