Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Humanismus trat zum ersten Mal, am schöpferischsten und am üppigsten in der Renaissance in Erscheinung. Und alles Schöpferische in der humanistischen Geschichtsepoche geht vom Geist der Renaissance aus, kann renaissancehaft genannt werden. Bei dieser seiner ersten Erscheinungsform wandte sich der Humanismus den ewigen Quellen des menschlichen Schöpfertums, der Antike, zu. Heutzutage aber können wir nicht mehr meinen, daß das schöpferische Zutagetreten des Humanismus in der Renaissance durch Hinwendung zum Heidentum, durch einen heidnischen Rückschlag innerhalb der christlichen Welt stattgefunden habe. Das wäre ein oberflächlicher und trügerischer Standpunkt. Der Humanismus zehrte zwar von der Antike, aber er war eine neue Erscheinung, eine Erscheinung der neuen, nicht aber der alten Geschichte. Die schöpferische Aktivität des Menschen lag bereits dem Katholizismus zugrunde. Und die ganze große europäische Kultur, vor allem die lateinische, war im Grunde genommen christliche, katholische Kultur. Sie wurzelt im christlichen Kult. Schon der Katholizismus selbst war vom Geist der Antike gesättigt und hatte die antike Kultur in veränderter Gestalt in sich aufgenommen. Das ganze Mittelalter hindurch war die antike Kultur im Katholizismus lebendig und wurde von diesem in die Neuzeit hinübergenommen. Nur darum erwies sich die Renaissance in der Neuzeit als möglich. Auch die Renaissance war, ebenso wie die Reformation, nicht gegen den Katholizismus gerichtet. Der Katholizismus barg ungeheure menschliche Aktivität in sich, sie kam im Papismus selbst, in der Weltherrschaft der katholischen Kirche, in der Schaffung einer großen mittelalterlichen Kultur zum Ausdruck. Hierin unterschied sich der Katholizismus stets von der okzidentalen Orthodoxie. Der Katholizismus geleitete nicht nur den Menschen in den Himmel, sondern er schuf auch auf Erden Schönheit und Herrlichkeit. Darin besteht das große Geheimnis des Katholizismus: das Hinstreben zum Himmel und zum ewigen Leben schafft Schönheit und Macht im zeitlichen irdischen Leben. Der Asketismus der mittelalterlichen katholischen Welt war eine gute Vorbereitung auf das schöpferische Gestalten, er erhielt und konzentrierte die schöpferischen Kräfte des Menschen. Die mittelalterliche Askese war für den Menschen eine große Schule, sie verlieh ihm große Geistesstählung. Und der europäische Mensch der Geschichte der Neuzeit lebte von dem, was er in dieser Schule geistig sich aneignete, er verdankt 112