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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 111)
Language
German
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ein beschränktes und abhängiges Wesen erblickte, das keine geistige Freiheit kennt. Der Humanismus, der den Menschen emporhob, nahm ihm seine Gottähnlichkeit und verknechtete ihn der natürlichen Notwendigkeit. Die auf dem Humanismus beruhende Renaissance entdeckte die schöpferischen Kräfte des Menschen als eines natürlichen, aber nicht geistigen Wesens. Der natürliche Mensch jedoch, der vom geistigen Menschen losgerissen ist, besitzt keine unversiegbare Quelle schöpferischer Kräfte, er muß sich erschöpfen und auf die Oberfläche des Lebens emporgeschwemmt werden. Dies nun kam in den letzten Früchten der Geschichte der Neuzeit zum Ausdruck, die zum Ende der Renaissance, zur Selbstnegierung des Humanismus, zur Leere des oberflächlichen, seines Zentrums verlustigen Lebens und zum Versiegen des schöpferischen Gestaltens führte. Das freie Spiel der menschlichen Kräfte konnte nicht endlos fortdauern. Und im 19. Jahrhundert nimmt dieses schöpferische Spiel ein Ende, man fühlt bereits nicht mehr den Überfluß, man empfindet die Kärglichkeit, die Last und Qual des Lebens nimmt zu. Der grundlegende Widerspruch des Humanismus vertieft sich und wird in der ganzen Ausdehnung der Geschichte der Neuzeit offenbar. Er führt zum Umschlagen des Humanismus in sein Gegenteil. Der Humanismus L. Feuerbachs und A. Comtes - der Propheten der Menschheitsreligion - hat mit dem Humanismus der Renaissance-Epoche nur noch wenig gemein. Er geht weiter, vertieft den Grundwiderspruch des Humanismus, aber ihm fehlt bereits der schöpferische Uberfluß an Kräften, in ihm macht sich bereits die Annäherung der inneren Katastrophe bemerkbar. Das Mittelalter hat die schöpferischen Kräfte des Menschen erhalten und ihr üppiges Aufblühen in der Renaissance vorbereitet. Der Mensch trat mit der mittelalterlichen Erfahrung, mit der mittelalterlichen Vorbereitung in die Renaissance ein. Und alles wahrhaft Große in der Renaissance stand im Zusammenhang mit dem christlichen Mittelalter. Heute tritt der Mensch mit der Erfahrung der Geschichte der Neuzeit und mit ihrer Vorbereitung in eine unbekannte Zukunft ein. Und er tritt ein in diese Epoche nicht voll schöpferischer Kräfte, wie in der Renaissance-Epoche, sondern erschöpft, entkräftet, des Glaubens verlustig, verheert. Hierüber sollte man tief nachdenken. ★ ★ ★ III

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