Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
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wovon die ersten Humanisten und schöpferischen Menschen der Renaissance träumten. Ob sie wohl daran gedacht haben, daß die Folge ihres neuen Lebensgefühls, ihrer Loslösung von der geistigen Tiefe und dem geistigen Zentrum des Mittelalters, sowie ihres schöpferischen Beginnens das 19. Jahrhundert mit seinen Maschinen, mit seinem Materialismus und Positivismus, seinem Sozialismus und Anarchismus, seiner Erschöpfung der geistigen schöpferischen Energie sein würde? Lionardo, vielleicht der größte Künstler der Welt, - ist schuldig an der Mechanisierung und Materialisierung unseres Lebens, an seiner Entseelung, am Verlust seines höchsten Sinnes. Er selbst wußte nicht, was er vorbereitete. Die Renaissance mußte kraft ihrer geistigen Grundlagen in ihren Folgen sich selbst untergraben. Die Renaissance befreite die schöpferischen Kräfte des Menschen und brachte den schöpferischen Aufschwung des Menschen zum Ausdruck. Darin bestand ihre gerechte Sache. Aber sie entfremdete auch den Menschen von den geistigen Quellen des Lebens, sie leugnete den geistigen Menschen, der ja allein Schöpfer sein kann, und setzte ausschließlich den natürlichen Menschen, den Sklaven der Notwendigkeit in seine Rechte ein. Der Triumph des natürlichen Menschen über den geistigen in der Geschichte der Neuzeit mußte zum Versiegen der schöpferischen Kräfte, zum Ende der Renaissance, zur Selbstvernichtung des Humanismus führen. Die Renaissance war der große Anfang des Suchens der sich in freiem Spiel entfaltenden Menschenkräfte. Der Mensch meinte, das ganze Leben könne ein Werk seiner Kunst sein. Der Mensch wandte sich jener selben Natur zu, die er im Mittelalter als zum Bösen gehörend empfunden hatte. In der Natur suchte er die Quellen des Lebens und des schöpferischen Gestaltens. Und zu Beginn seiner Hinwendung zur Natur empfand er diese als von neuem Leben und von Geist erfüllt. Der Bannfluch war von der Natur genommen. Man hörte auf, sich vor ihren Dämonen zu fürchten, vor denen der Mensch des Mittelalters solche Angst gehabt hatte. Ohne es selbst zu merken, trat der neue Mensch in den Kreislauf des Naturlebens ein. Aber er vereinigte sich nicht innerlich mit der Natur. Er ordnete sich geistig ihrer Materialität unter, blieb jedoch von ihrer Seele getrennt. Die Renaissance barg in sich den Samen des Todes, weil ihr der vernichtende Widerspruch des Humanismus zugrunde lag, der den Menschen emporhob, ihm übermäßige Kräfte zuschrieb, zugleich aber in ihm 110