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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 109)
Language
German
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trocento selbst war ein großer. Die formalen Errungenschaften des künstlerischen Schaffens des Quinquecento, der römischen Hochrenaissance, machen den Eindruck größerer Vollkommenheit und größeren Gelingens. Aber diese formale Vollkommenheit und dieses formale Gehngen sind nur scheinklassisch. Etwas wahrhaft Klassisches hier auf Erden, ganz Vollendetes, ist in einer christlichen Welt unmöglich. Und es war kein Zufall, daß das ganze künstlerische Schaffen des Quinquecento schnell zu tötendem Akademismus und zu Verfall führte. Geistig ging im Quinquecento die Spaltung in Abfall, in ein Absterben der christlichen Seele über. Die Humanisten der Renaissance-Epoche brachen nicht endgültig mit detn Christentum, sie gingen nicht gegen die Kirche vor, doch waren sie religiös abgekühlte und gleichgültige Menschen. Sie hofften den Menschen zu entdecken, indem sie sich endgültig der diesseitigen Welt zuwandten und sich der jenseitigen Welt abwandten. Und sie verloren die Tiefe. Der von ihnen entdeckte Mensch, der Mensch der Neuzeit, war nicht tief und war gezwungen, über die Oberfläche des Lebens hinzuwandeln. Auf der! V erflache, frei vom Zusammenhang mit der Tiefe, wird er seine schöpferischen Kräfte versuchen. Er wird vieles schaffen, wird jedoch zur Erschöpfung und zum Verlust des Glaubens an sich selbst gelangen. Es ist kein Zufall, daß die menschliche Individualität im 16. Jahrhundert durch furchtbare Verbrechen rebellierte und darin ihre Selbstbetätigung suchte. o o Der Humanismus hat die menschlichen Energien befreit, aber er hat den Menschen geistig nicht emporgehoben, er hat ihn geistig verheert. Das war bereits durch die Quellen des Humanismus vorausbestimmt. Der Geschichte der Neuzeit lag die Loslösung des Menschen von der geistigen Tiefe, die Loslösung des Lebens von seinem Sinn zugrunde. Es bestand eine verhängnisvolle Nichtübereinstimmung zwischen dem Werk des hl. Franziskus und Dantes und dem Werk des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Renaissance hat viel Großes geschaffen, sie hat viel Wertvolles zur Kultur der Menschheit beigetragen. Und doch ist sie mißlungen, ihre Aufgabe erwies sich als undurchführbar. Mißlungen ist die christliche Frührenaissance, mißlungen auch die heidnische Spätrenaissance. Von der Renaissance nahm die Bewegung der Geschichte der Neuzeit ihren Anfang. In der Geschichte herrscht stets eine tragische Nichtübereinstimmung ° r? zwischen der schöpferischen Aufgabe und der faktischen Verwirklichung. In der Geschichte der Neuzeit wurde durchaus nicht das verwirklieht, 109

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