Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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sancemenschen kann man an dem künstlerischen Schaffen und an dem Schicksal der zentralen Figur des Quattrocento, an Botticelli, studieren. Die Renaissance begann bereits im tiefen Mittelalter, und ihre ersten Grundlagen waren vollständig christlich. Die Seele des mittelalterlichen Menschen, die christliche Seele, war zum schöpferischen Gestalten erwacht. Dieses schöpferische Erwachen vollzieht sich schon im 12. und 13. Jahrhundert. Es war gekennzeichnet durch ein erquickendes Aufblühen der Heiligkeit, durch höchsten Aufschwung des geistigen Schöpfertums des Menschen. Es war begleitet vom Aufblühen der Mystik und der scholastischen Philosophie. Die mittelalterliche Renaissance schuf die Gotik und die Malerei der Primitiven. Die italienische Frührenaissance w ar eine christliche. Der hl. Dominicus und der hl. Franziskus, Joachim von Floris und Thomas Aquinas, Dante und Giotto - das ist bereits die richtige Renaissance, Wiedergeburt des menschlichen Geistes, des menschliehen Schöpfertums, das seine Zusammenhänge mit der Antike noch nicht verloren hat. In der Epoche der Renaissance, der mittelalterlichen und der christlichen, bestand bereits ein schöpferisches Verhältnis zur Natur, zum menschlichen Denken, zur Kunst, - zum ganzen Leben. Die Frührenaissance in Italien - das Trecento - ist die größte Epoche der europäischen Geschichte, der Punkt ihres höchsten Aufschwunges. Die schöpferischen Kräfte des Menschen, die sich damals emporrangen, waren sozusagen die Antw ort auf die Offenbarung Gottes — die Offenbarung des Menschen, Dies war ein christlicher Humanismus, gezeugt vom Geiste des hl. Franziskus und Dante. Aber die großen Hoffnungen und Prophetien dieser christlichen Frührenaissance gingen nicht in Erfüllung. Vieles in ihr griff den Zeiten vor. Dem Menschen stand es noch bevor, durch eine große Spaltung und einen großen Abfall hindurchzugehen. Er mußte noch nicht nur seine Macht, sondern auch seine Ohnmacht erproben. Das Quattrocento w ar in der Hauptsache eine Epoche der Spaltung. Damals fand der stürmische Zusammenprall christlicher und heidnischer Prinzipien statt und spiegelte sich im ganzen Kunstschaffen wieder. In dem schöpferischen Gestalten des Quattrocento fehlte die letzte Vollkommenheit, in ihm war das Suchen stärker als das Erreichte. Aber diese Unvollendetheit und Unvollkommenheit enthält einen besonderenReiz. Die Spaltung des Quattrocento zeigt die Unmöglichkeit einer rein heidnischen Wiedergeburt innerhalb einer christlichen Welt. Und der Mißerfolg desQuat- 108