Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 107)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht gänzlich heidnisch sein. Die Renaissancemenschen zehrten vorn Geist der Antike, sie suchten in ihm die Quelle des freien menschlichen Gestaltens und die Bilder vollkommener Formen, aber sie waren nicht Menschen von antikem Geist. Das waren Menschen, in deren Seelen der Zusammenprall der heidnischen und christlichen, antiken und mittelalterlichen Prinzipien einen tosenden Sturm ausgelöst hatte. In ihren Seelen konnte es keine klassische Klarheit und Ganzheit geben, die für alle Ewigkeit verloren waren, und ihre Kunst konnte keine vollendeten, vollkommenen, klassisch-vollkommenen Formen schaffen. Die Seele des christlichen Menschen ist vergiftet vom Gefühl der Sünde, von der Sehnsucht nach Erlösung und ist nach einer anderen Welt gerichtet. Damit endete auch die antike, heidnische Welt. Und mit innerer Notwendigkeit mußte sie zum Christentum übergehen. In der Geschichte ist eine Wiedergeburt, eine Umkehr zu vergangenen schöpferischen Epochen möglich. Nie aber ist eine Wiedergeburt eine Rückkehr, nie die Wiederherstellung einer alten bereits überlebten schöpferischen Epoche. Die Prinzipien vergangener schöpferischer Epochen, denen sich Renaissancen zuwenden, wirken in einem sehr komplizierten neuen Milieu, in sehr kompliziertem Zusammenhang mit neuen Prinzipien und schatten Kulturtypen, die mit den alten Typen sehr wenig Ähnlichkeit haben. So war die romantische Bewegung am Anfang des 19. Jahrhunderts keine Rückkehr zum Mittelalter, die mittelalterlichen Prinzipien, denen sich die Romantik zuwandte, brachen sich in der Seele des Menschen, der die komplizierte Geschichte der Neuzeit durchlebt hatte, und ergaben Resultate, die sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Mittelalter hatten. So sehr auch Fr. Schlegel sich dem Mittelalter zuwandte, so hatte er doch sehr wenig Ähnlichkeit mit einem mittelalterlichen Menschen. Ebenso waren die Renaissancemenschen den Menschen der antiken Welt, den Griechen und Römern nicht ähnlich. Sie hatten das Mittelalter erlebt, sie waren getauft, und das Taufwasser konnte durch keinerlei Umwendung zur Antike, durch keinerlei oberflächliches Heidentum fortgewaschen werden. Das Heidentum in der christlich-europäischen Welt konnte niemals ein tiefes sein, es war immer oberflächlich. Es konnte die Seele des europäischen Menschen verkomplizieren, aber es konnte keine Ganzheit schaffen. Die Seele der Renaissancemenschen war schon so kompliziert, daß sie keine guten Heiden werden konnten. Diese Zwiespältigkeit und Kompliziertheit der Renais- 107