Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 106)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823777--0603-2824053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Selbstverneinung des Menschen und seines Sturzes verborgen war. Als der Mensch sich von dem geistigen Zentrum des Lebens losriß, riß er sich von der Tiefe los und ging zur Fläche über. Die Entfernung vom geistigen Zentrum machte den Menschen immer oberflächlicher. Indem der Mensch das geistige Zentrum des Seins verlor, verlor er auch sein eigenes geistiges Zentrum. Diese Dezentralisation des menschlichen Wesens bedeutete die Zerstörung seiner organischen Struktur. Der Mensch hörte auf, ein geistiger Organismus zu sein. Und da entstanden an der äußersten Peripherie des Lebens Pseudozentren. Untergeordnete Organe des menschlichen Lebens und deren untergeordnete Funktionen, die sich vom organischen Zusammenhang mit dem wahren Zentrum freigemacht hatten, hielten sich selbst für Lebenszentren. Und der Mensch wird dadurch immer oberflächlicher. Im 20. Jahrhundert betritt der europäische Mensch, bereits furchtbar verheert und verwittert, den Gipfel der humanistischen Ära. Er weiß nicht, wo das Zentrum seines Lebens liegt, und ahnt nicht die Tiefe unter sich. Er verurteilt sich zur Flächenexistenz, lebt sozusagen in zwei Dimensionen, indem er als Bewohner der Erdoberfläche nicht weiß, was über ihm und was unter ihm ist. Und es besteht ein ungeheurer Unterschied und eine ungeheure Nichtübereinstimmung zwischen dem Anfang der humanistischen Ära und ihrem Ende. Ganz am Anfang war das freie Brodeln der Kräfte des neuen europäischen Menschen gekennzeichnet durch ein üppiges und unerhörtes Aufblühen des menschlichen Gestaltens. Noch niemals scheint der Mensch einen derartigen schöpferischen Aufschwung erlebt zu haben, wie in der Epoche der Renaissance. Damals begann das freie schöpferische Gestalten des Menschen, seine freie Kunst. Aber er war noch nahe den geistigen Quellen seines Lebens, er hatte sich auf der Oberfläche des Lebens noch nicht so weit von ihnen entfernt. Der Renaissancemensch war ein zwiespältiger Mensch, der zwei Welten angehörte. Dies war bestimmend für die Kompliziertheit und den Reichtum seines schöpferischen Lebens. Heute kann man bereits nicht mehr den Anfang der Renaissance ausschließlich als eine Wiedergeburt der Antike und als Rückkehr zum Heidentum darstellen. Die Renaissance enthielt sehr viel christliche Elemente und mittelalterliche Prinzipien. Sogar ein so typischer Mensch des 16. Jahrhunderts wie Benvenuto Cellini, ein Mensch der Spätrenaissance, war nicht nur Heide, sondern auch Christ. Und darum war und konnte die Renaissance 106

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.