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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 105

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 105)
Language
German
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schichte der Neuzeit hervor, und es besteht eine tragische Nichtübereinstimmung zwischen ihrem Anfang und Ende. Allzu viele Hoffnungen erwiesen sich als zerschlagen. Das Bild des Menschen selbst ist getrübt. Und geistig empfindsame Menschen sind bereit, zum Mittelalter zurückzukehren, um dort die wahren Grundlagen des menschlichen Lebens zu finden und den Menschen von neuem zu entdecken. ir leben in einer Epoche geistigen Verfalls, nicht aber des geistigen Aufschwunges. Wir können nicht die Worte Ulrich von Huttens wiederholen, die dieser in der Morgenröte der Geschichte der Neuzeit sprach: .,Die Geister regen sich, es ist eine Lust, zu leben." Das Werk der Geschichte der Neuzeit ist nicht gelungen, sie hat den Menschen nicht verherrlicht, wie sie ihn verherrlichen wollte. Die Verheißungen des Humanismus sind nicht in Erfüllung gegangen. Der Mensch ist unendlich müde geworden und ist bereit, sich auf allerhand Kollektive zu verlassen, in denen die menschliche Individualität bereits gänzlich verschwindet. Der Mensch vermag seine Verlassenheit, seine Einsamkeit nicht zu ertragen. ★ ★ * In der Renaissance waren die Kräfte des Menschen entfesselt worden, und ihr schäumendes Spiel gestaltete eine neue Kultur, schuf eine neue Geschichte. Die ganze Kultur jener W eltepoche, die in den Lehrbüchern als Geschichte der Neuzeit bezeichnet wird, war eine Kraftprobe der menschlichen Freiheit. Der neue Mensch wollte das Leben selbst, ohne höhere Hilfe, ohne göttliche Sanktion, gestalten und einrichten. Der Mensch hatte sich vom religiösen Zentrum losgerissen, dem sein ganzes Leben im Mittelalter untergeordnet war; er wollte seinen eigenmächtigen, freien Weg gehen. Am Anfang dieses W eges schien es dem europäischen Menschen, daß zum ersten Male der Mensch und die reinmenschliche Wirklichkeit entdeckt würden, die in der mittelalterlichen Welt erdrückt war. Und noch bis auf den heutigen Tag meinen viele, vom humanistischen Glauben verblendet, da£ der Humanismus am Anfang der Neuzeit den Menschen entdeckt habe. Aber in unserer Epoche, die alle Widersprüche des Lebens zugespitzt und alle seine Prinzipien aufgedeckt hat, beginnt man zu verstehen, daß in der hohen Selbstmeinung des Humanismus verhängnisvolle Verirrung und Selbstbetrug lagen und daß schon in der Urgrundlage des humanistischen Glaubens die Möglichkeit der 103

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