Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 104)
- Language
- German
- Belongs to
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Ge6taltens. Das Ende der Renaissance ist das Ende jenes Humanismus, der ihre geistige Grundlage bildete. Der Humanismus aber war nicht nur eine Wiedergeburt der Antike, nicht nur eine neue Moral und eine Bewegung der Wissenschaften und Künste, sondern auch ein neues Lebensgefühl und ein neues Verhältnis zu der Welt, entstanden in der Morgenröte der Geschichte der Neuzeit und bestimmend für diese Geschichtsepoche. Dieses neue Lebensgefühl nun und dieses neue Verhältnis zur Welt geht seinem Ende entgegen, erschöpft alle seine Möglichkeiten. Die Wege des Humanismus und die Wege der Renaissance sind bis ans Ende durchschritten, auf diesen Wegen kann man nirgends mehr hingelangen. Die ganze Geschichte der Neuzeit war eine innere Dialektik der Selbstentlarvung und Selbstverneinung jener humanistischen Prinzipien, die ihr bei ihrer Entstehung zugrunde gelegt wurden. Das humanistische Lebensgefühl hat schon lange seine Frische eingebüßt, es ist altersschwach geworden und kann schon nicht mehr so pathetisch erlebt werden wie in den Tagen des jugendlich brodelnden Humanismus. Im Innern des Humanismus sind vernichtende Widersprüche zutage getreten, und die krankhafte Skepsis hat bereits die humanistische Energie untergraben. Der Glaube an den Menschen und seine urwüchsigen Kräfte ist erschüttert. Er war das bewegende Moment der Geschichte der Neuzeit, aber die Geschichte der Neuzeit hat diesen Glauben ins Schwanken gebracht. Der unbehinderte Erdenwandel des von keiner höheren Gewalt mehr geleiteten Menschen hat nicht nur seinen Glauben an sich selbst nicht gefestigt, sondern diesen Glauben endgültig geschwächt und das Bewußtsein der Menschenwürde erschüttert. Der Humanismus hat den Menschen nicht stärker, sondern schwächer gemacht-das ist das paradoxe Resultat der Geschichte der Neuzeit. Der Mensch hat in seiner Selbstbestärkung sich selbst verloren, statt sich wiederzufinden. Während der europäische Mensch, vom Glauben an sich selbst und seine schöpferischen Kräfte erfüllt, in die Geschichte der Neuzeit eintrat, während ihm in der Morgenröte dieser Geschichte alles als Angelegenheit seiner Kunst erschien, der er keine Schranken und Grenzen setzte, — verläßt er die Geschichte der Neuzeit und tritt ein in eine unbekannte Epoche in einem Zustand großen Verfalls, mit gebrochenem Glauben an seine Kräfte und an die Macht seiner Kunst, bedroht von der Gefahr, den Kern seiner Persönlichkeit endgültig zu verlieren. Nicht in Schönheit geht der Mensch aus der Ge- 104