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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 103)
Language
German
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es, zu denken, daß man einfach durch äußere Mittel jenen zyklonartigen Zerstörungsprozeß auf halten könnte, dem unsere alte, sündige Welt ausgesetzt ist, und daß man, mit kleinen Veränderungen, zu jenem alten Leben zurückkehren könne, das man vor den Weltkatastrophen des Krieges und der Revolution gelebt hatte. Wir treten ein in ein Reich des Unbekannten und Ungelebten, treten freudlos, ohne lichte Hoffnungen darin ein. Die Zukunft ist dunkel. Wir können nicht mehr an die „ Fortschritts -Theorien4' glauben, für die sich das 19. Jahrhundert begeisterte und kraft deren die in Entstehung begriffene Zukunft stets besser, schöner und freudiger sein soll als die dahingehende Vergangenheit. Wir neigen mehr zu dem Glauben, daß das Bessere, das Schöne und Freudige im Ewigen, nicht aber in der Zukunft liegt, und daß es auch in der Vergangenheit vorhanden war, sofern die Vergangenheit am Ewigen teil hatte und Ewiges schuf. Welcher Sinn ist nun jener Krisis der europäischen Kultur beizulegen, die schon lange an verschiedenen Enden begonnen hat und die heute äußerlich ihren Grenzausdruck erlangt? Die Geschichte der Neuzeit, die in der Epoche der Renaissance begann, geht ihrem Ende entgegen. Wir durchleben das Ende der Renaissance. Auf den Gipfeln der Kultur, im schöpferischen Gestalten, im Reich der Kunst und im Reich des Gedankens machte sich schon seit langem die Erschöpfung der Renaissance, das Ende einer ganzen Weltepoche bemerkbar. War ja doch das Suchen nach neuen Wegen schöpferischen Gestaltens nichts anderes als der Ausdruck des Endes der Renaissance. Aber das, was auf den Gipfeln des Lebens vorgeht, findet seinen Ausdruck auch in den untersten Sphären. Selbst in den untersten Schichten des sozialen Lebens bereitet sich da» Ende der Renaissance vor. Denn die Renaissance bedeutete einen ganzen Typ des Weltempfindens und der Kultur und nicht nur das Gebiet des höchsten schöpferischen Gestaltens. Das menschliche Leben, das Leben der Völker, ist ein ganzer hierarchischer Organismus, in welchem die obersten und untersten Funktionen unzertrennlich miteinander verknüpft sind. Es besteht eine Übereinstimmung zwischen dem, was auf den Gipfeln des geistigen Lebens vorgeht, und dem, was in den untersten Gebieten des materiellen Lebens der Gesellschaft geschieht. Das Ende der Renaissance ist das Ende einer ganzen historischen Epoche, der ganzen Geschichte der Neuzeit, nicht aber nur der Formen des schöpferischen 103

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