Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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NIKOLAJ BERDJAJEW DAS ENDE DER RENAISSANCE (Zur gegenwärtigen Kulturkrisis) Die ..Geschichte der Neuzeit" geht ihrem Ende entgegen und es beginnt eine unbekannte historische Epoche, die noch keinen Namen hat. Wir verlassen alle gewohnten historischen Bahnen. Dies machte sich scharf bemerkbar, als der Weltkrieg ausbrach. Schon damals war es für Menschen mit größerem Weitblick klar, daß es keine Rückkehr mehr gibt zu dem friedlichen „bourgeoisen" Leben jener Zeit vor Hereinbruch der Katastrophe. Das Tempo der Geschichte ändert sich: es wird zu einem katastrophalen. Das pflegt beim Ubergang zu neuen historischen Epochen immer so zu sein. Jene, die ein feines Gefühl für die Zukunft hatten, ahnten schon lange das Herannahen von Katastrophen und sahen deren geistige Symptome hinter den äußeren Hüllen des friedlichen und wohlgeordneten Lebens. Gelangen doch die Ereignisse zuerst in der geistigen und erst dann in der äußeren historischen Wirklichkeit zur Entfaltung. So war auch in der Seele des modernen Menschen irgend etwas bereits ins Wanken und in Auflösung geraten, ehe noch die historischen Körper ins Wanken gerieten und sich aufzulösen begannen. Und jene, die ein Auge hatten für die Bewegungen des Geistes, dürfen sich nicht wundern, daß heute die ganze Welt in einen Zustand der Auflösung übergeht. In unseren aufs Äußerliche gerichteten Tagen scheint es, als lockerten sich die alten, urewigen Grundlagen der europäischen Welt. Alles in der europäischen Welt rückt vom gewohnten festen Platz. Nirgends und in nichts ist fester Boden fühlbar, - der Boden ist vulkanisch, und Eruptionen sind allenthalben, sowohl im materiellen als auch im geistigen Sinne des Wortes möglich. Die Alte Welt, das zentrale Europa, wird von der Neuen Welt, vom äußersten Westen, von Amerika, und vom äußersten Osten, von dem für uns rätselhaften, fast gespenstischen Japan und China besiegt. Und von innen her erheben sich in dem alten Europa Elementargewalten, welche die Grundlagen umwerfen, auf denen seine alte, noch mit der Antike verknüpfte Kultur beruhte. Kurzsichtig wäre es, zu leugnen, daß Europa die Uberwindung einer Kulturkrisis bevorsteht, die von welthistorischer Bedeutung ist und deren Folgen bis in eine ferne, unbekannte Zukunft hineinreichen werden. Naiv und oberflächlich wäre 102