Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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Heiden wirkte. Aber dem Christentum kommt es auf mehr Liebesarbeit an: sonst wären es ja nicht Extrawerke. Sonst gehörten sie zu denjenigen Werken, die schon früher um des Glaubens willen getan waren - denn auch seine Liebeswerke hatte das Heidentum, wie alles und jedes, stimmig gemacht zu seinem Glaubensauftrieb zu den Werken, die der neue Glaubensbefehl fortzusetzen gebot, aber nicht zu den zwar nicht gebotenen, aber guten Werken, die der bloßen Pflichtmäßigkeit die Wage halten könnten. Was soll das christliche Individuum bestimmen, mit anderen Individuen mehr Mitleid zu fühlen als dem natürlichen Lebensbedürfnis entspricht? Kein Mittel gab es da, als den Eigennutz anzustacheln - aber heimlich, damit es doch wie Liebe aussähe. So teilt das halbschlächtige Christentum die mitleidige Tat ab von ihrem Trieb, der eigennützig sein darf; der Zweck, den die Liebe setzt, wird bestimmt von dem liebenden Erwägen der Bedürfnisse des Anderen; daß aber die Liebe diesen Zweck setzt, nicht von einem Bedürfnisse der eigenen Seele, dem Anderen sich soweit hinzugeben, sondern von einer Aufreizung der eigenen Seele, an sich selber zu denken. Nur daß der Lohn nicht in dieser Welt ausgezahlt wird - dann läge ja das Unliebe, das Egoistische dieser Liebe vor Augen! - sondern verlegt wird in eine jenseitige rein seelische Welt, so daß für das Leben im Diesseits der Schein der Uneigennützigkeit bleibt. Auch hier wieder ist das Schlimmste nicht die inhaltliche Täuschung; im einzelnen Hilfsfall wird selbst unter dem gröbstem Seelenbezahlungssystem der Mensch die Wohltat tun nicht wegen der Seelenbezahlung; seine bessere Natur schlägt seine schlechtere Natur. Aber wenn die Lohnvorstellung auch nicht unmittelbar als Motiv wirkt, wirkt sie doch als Vorstellung: erfüllt den Geist und verdirbt die Seelenreinheit. Sie teilt formell die Welt in zwei Teile, und diese Zerzweiung des Arbeitsfeldes in diese Welt und ein Jenseits deklassiert ohne weiteres die Arbeit dieser Welt: der Dualismus potenziert den schädigenden Individualismus. Mit dem er in gegenseitig steigernder Wechselwirkung steht; einerseits ist der Dualismus ein alter Glaube; auch die Antike kannte Hölle und Jen>eits-Seligkeit; aber sie arbeitete ihren Glauben daran ihrem Gesamtglauben an die Menschheits-Göttlichungs-Aufgabe ein. Als diese Aufgabe umgeglaubt wird, wird im Mono-Deismus der Dualismus zwar absolut, aber rein abstrakt; praktisch bleibt die jenseitige Welt unschädlich. Das Christentum des Religionswechsels hat sie schädlich gemacht. Sein Christus, den es da- 63