Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeit - dieses blasse letzte Nachbild einer Glaubens-Anschauung?! denn der Glaube hat erst den Kosmos erschaut. Aber nicht nur erschaut. Nur freilich heut ist der Glaube meist auf eine Glaubens-Anschauung gesunken. Und was wirkt diese? Tausende haben auch noch heut die Vorstellung von einem Jenseits, von einem Seelengericht, von einem Ideal des Guten; wodurch unterscheidet sich die Fabrik eines solchen Weltanschauungsbesitzers von irgendeiner anderen Fabrik? Nicht auf das Anschaun, auf das Sich-herein-arbeiten kommt es an (was freilich kein Arbeiten im Willenssinn unserer Zeit ist). Auf das tatsächliche Hereinragen in die Transzendenz: wie es die Pflanze in ihren Metamorphosen tut. Denn wenn der Fruchtkeim Wurzelfäden und Stammtrieb aus sich ausgärt, der Stamm Äste, der Ast Zweige aus sich entwickelt, der Zweig Blätter sich ansetzt, die Blätter zum Teil sich umschaffen in Blüten und die Blüten Frucht aus sich heraustreiben, dann ist jede dieser neuen Daseinsformen gegen die vorhergehende ein Dringen in die Transzendenz: in das aus der Empirie des Vorzustandes nicht zu Erahnende. Aber hätte es erahnt werden können, was wäre mit dem bloßen Bild dieses Ideals für den Baum erreicht worden? wenn er das Bild nicht auch wirklich gebildet hätte! Zurück! Das Kommunistische hilft uns nicht vom Individualis tischen, sondern nur innerhalb seiner; es hilft nur gegen die Individuen: gegen die Äußerung des Individualismus, daß jeder soviel wie möglich sich die Güter, den anderen aber die Arbeit zuteilt. Nicht aber gegen den Grundzug des Individualismus, nicht, daß ich so sage, gegen seinen Dividualismus: gegen den Umschwung und Niedergang der Arbeitsrichtung aus der Scheitellinie der Transzendenz auf den Erdengrund der platten Empirie. Und auch alle Zwischenstufen zwischen der Hingabe an Gott und dem Eigennutz, als da sind: Staat, Kirche, Volkstum, Empfindungsgemeinschaft, können diesen Absturz der Arbeitsamkeit in das Niedrige nicht hindern, und nur so lange aufhalten, bis auch sie, der Spitze folgend, vermorscht sind. Will sagen: entseelt; wie denn Staat und Kirche, Rassengefühl und Seelengemeinschaft heut schon fast ohnmächtig stehn gegen die mechanistische Wirtschaft unserer Abwirtschaftung. Sie selbst haben ja ihre Funktion gewandelt, wollen auch nicht mehr dienen als Lebensdurchgangsformen zu Höherem, sondern: daß das Leben ihnen diene, ihrem Bestände; und das Arbeitsleben der Individuen 61