Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Richtung verkehrt: zielt herunter statt herauf, statt auf Steigerung der Menschheit auf das Glück des Einzelmenschen. Das will nicht nur sagen, daß sie egoistisch-individualistisch interessiert wird und den großen Gesichtskreis verliert; das will sagen, daß sie ihr Organisches verliert, daß sie atomisiert und mechanisiert wird. Glaubensarbeit war organischer Trieb, der neue, höhere, reichere Lebensgebilde zeugte: über die Tiermenschenhorde und Tiermenschenseele das ganze unsichtbare Reich der geistigen Formen, der Ideen, Ideale und jener Realitäten, in denen als in einer höheren Ordnung die Menschheit sich überhaupt erst menschlich verfaßt findet, weil sie aufgipfelten zur Gottheit und die Menschheit göttlichten. Der Safttrieb des Glaubens in diesem Baume versiecht; der letzte Jahrring seines Wachstums, die Kirchenbildung, geschlossen, stirbt der Baum ab. Was sich eben darin zeigt, daß neue statt der Glaubenskräfte sein Geschick gestalten: äußere, physikalische, in diesem Sinn mechanische statt der inneren, eigenen, biochemischen. Die Arbeit der Liebeskraft im Baum der Menschheit vergleicht sich der Arbeit im sterbenden Baum: nicht der Baum arbeitet mehr die Natur um ihn um, sondern die Natur um ihn arbeitet den Baum innen um: Sonne, Regen und Wind bewirken in ihm noch eine Auseinandersetzung der Zellen, aber die Zellen wirken nichts mehr: der Baum geht rückwärts, bis der verdorrte als Windbruch fällt und am Boden liegend verwest. Wir leben keine Formen mehr über uns heraus; denken sie höchstens noch über uns heraus, wie den Ubermenschen Nietzsches. Was wir heut Organisation nennen, ist ein Hohn auf das Wort, und insbesondere die sozialistische Gesellschafts-„Organisation", so sehr sie sich dem Ubermenschen überlegen dünkt, weil sie nicht individualistisch, sondern gesamtwirtschaftlich gemeint sei, bleibt in der Verwirtschaftung des Menschheitlichen stecken: eröffnet keine Metamorphose der Pflanze, sondern betreibt nur noch Auseinandersetzung innerhalb ihrer. Keine Metamorphose in die Transzendenz. Erlauben Sie mir hier eine Nebenbemerkung. Auch Sie schreiben mit allem Ernst dem Sozialismus das Urteil, solang er nicht vermöge, sich in die Transzendenz zu erheben. Aber Ihnen ist der Mangel, daß er sich nicht erhebt in eine Weltanschauung, die neue Ideale für die Menschheit aufstelle. Sie fordern zu wenig, nach meinem Urteil. Weltanschauung ist zu wenig; Anschauung überhaupt nur ein Stückchen vom Leben. Das volle Hereinleben in die Transzendenz tut not. Was kann Weltanschauung ändern am Wesen unsrer 60