Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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mußte, zeigte auch der letzten den Weg. Ich sage: die erste: denn die Antike kennt wohl schwelgerischen, aber nicht überflüssigen Luxus; keinen, der auch unterbleiben könnte, weil ihn bloß ein evangelischer Rat, nicht ein Glaubensbefehl verlangt: wenn Neros üppiger Wahnsinn sich ein „goldenes" Haus baut, befiehlt's ihm sein Glaube: um gottgleich zu sein, baut er sich das Haus des Sonnengottes. Schmarotzierender Luxus wird erst die christliche Liebe mit ihrer Überempfindsamkeit für Not. Die saugt dem Leben Kraft aus, die erfindet Not: geht aus, Nöte zu finden, erweckt Empfindungen für sie und erfüllt eine Welt, die hart erzogen war, um sich hart emporzuringen, mit Wehleidigkeit und Selbstbejammerung. Sie entdeckt Fremdnöte, nicht um diese Nöte zu stillen, die sie vielmehr vermehrt, da sie Geschrei darum macht, sondern um die Not in der eigenen Seele, fremd und ohne Empfindung zur nötigen Arbeit zu stehn, mit unnötiger, mit fremder Arbeit zu übertäuben. Auch die eigene Seele wird so weichlich durchsetzt: der Nothelfer scheint schließlich sieh auch selbst hilfsbedürftig. Die eine große Begierde, höher zu kommen, in deren Dominante der alte Glaube die Einzelbegehrlichkeiten alle zusammengefaßt D t? hatte, wird aufgelöst: die Einzelbegehrliehkeiten fallen ziellos auseinander und gehen in unabsehbare Breite; während ehedem das, was sie zusammendrückte, sie auch unterdrückte. Die Anzüchtung von Bedürfnissen, die heut ungescheut bis zum schreienden, weil ohnmächtigen Widerspruch der Seele der Kapitalismus unserer Fabrikproduktion treibt, die Erziehung der unteren Volksschichten zu immer höheren Ansprüchen an den Mitgenuß des Lebens, die der Liberalismus und Sozialismus als geistiges Gegenstück dazu betreibt, das unanständige Lautwerden alier möglichen Süchte, Leibes und der Seele, die Unerfüllbarkeit all der Sehnsuchten, davon unsere Zeit süchtig geht, und der so verhängnisvoll klaffende Riß zwischen Ideal und Leben, daß er dem Leben nicht einmal mehr zu glauben erlaubt, es nähere sich dem Ideal, es könne sich ihm wenigstens nähern - sind Früchte aus dem Samen der christlichen Liebes- Luxus-Arbeit. Aber das Sündenregister ist noch nicht erschöpft; es fehlt die Todsünde. Nicht die inhaltliche Verderbnis der iVrbeit ist das Schlimmste, was uns die Glaubensumkehr, die der Liebe die Beseelung der Arbeit zuwies, an Entseelung der Arbeit eingetragen. Sondern formal hat die Arbeit ihre 59