Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 51)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823777--0548-2823998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ruck, ohne abzuwarten, wer schließlich als nicht ganz zu Tod Geschwächter übrigbliebe. Was auch schwer zu sagen wäre: die Christenverfolgungen leerten zwar die Kirche bedenklich und je mehr, je mehr sie vorher von faulen Staatsüberläufern angefüllt war: Heroismen der Standhaftigkeit dachten diese nicht zu bestehen, deren Christenglaube wesentlich Unglaube war. Aber eben sie fielen, wenn die Verfolgung ihr Ende erreicht, wieder aus dem Staat des Zwangsglaubens in die Kirche zurück. Der Staat anderseits hatte vor Kirche voraus die größere Angewöhntheit an ihn; er fuhr die längere Strecke auch mit toter Kraft. Aber sie beide hatten nicht Zeit, sich noch lange wettzuschwächen. Sie waren nicht allein in der Welt. Gegen das ermattende Reich standen Germanen und Parther, aber gegen die Kirche nicht nur das Einsiedlertum, sondern eine Gegenkirche der wTeltmatten Seelen, der aus dem Partherreich anrückende Manichäismus, der Verein der Arbeits- und Leibes-Müden, der die Menschen in Stufen schichtete und infolgedessen sowohl den Weltflüchtigen gerecht sein konnte, damals, als die Christenkirche es ihnen nicht mehr ward, wie auch die ungläubigen Massen zu verschiedenen Graden der Heiligungsarbeit und Kirchen Vereinsarbeit der Oberstufe Unterhaun konnte. Die Seelen, die die christliche Kirche verlor, verlor sie hierhin, und stand in Gefahr, auch ihre Massen zu verlieren. Und diese Gefahr war auch die des Staats, der gegen diese vollständig verweichlichende, zu einer Weltreligion sich auswachsende Manichäer-Kirche die Christenkirche als das kleinere Übel empfand. Wie sie ihn. Ihr Selbsterhaltungstrieb warf sie sich in die Arme. Zu Vernunft-, nicht Liebesnoch Glaubens-Ehe. Zu einer Gemeinschaft des Unglaubens und des gemeinsamen dünnen Restes ihres einst besonderen Glaubens. Sie fanden sich in dem psychologischen Moment, wo der Unglaube nach der Wurzel des Staatskults auch seine Krone ergriff. Die Bedingungen ~ O C7 des Friedens zwischen Konstantin und der Kirche sind ungeschrieben, verheuchelt, aber unverkennbar, weil notwendig gegeben. Wollten Kirche und Staat ohne Verzug sich vereinigen, um sich wieder zu ertüchtigen und leistungsfähig zu machen, konnten sie es nur auf ein Glaubens-Kompromiß: jeder gibt von seinem Glauben dasjenige preis, was der andere zu glauben um keinen Preis annehmen kann. Die Kirche kapituliert mit dem Staat, indem sie um den Verkauf seiner Seele auch die ihre verkauft. Der Staat verweltlicht sich, der Kaiser entgottet sich, der Staatskult wird 51

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.