Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823777--0535-2823985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Vermehrten., schaffen muß. Der Fremdmenschen, die ihn jetzt nicht mehr bedrängen durch ihren falsch-gerichteten bösen Willen, sondern durch die einfache Tatsache, daß sie da sind. Und essen wollen und müssen. Nicht nur nicht wird der Arbeitszwang aller gegen alle auf diese Weise gelindert; umgekehrt wird die Seele der Arbeitenden tiefer verstumpft. Gegen ungerechte Wirtschaftsweise kann der Mensch sich empören; gegen das Schicksal der Naturgegebenheit nicht. Jener kann er eine gerechtere entgegenzuwerfen versuchen und fühlt sich dann auch imWiderspruch zu der seelenlosen Arbeit doch aus Anlaß ihrer in Seelenarbeit versetzt. Gegen Volksvermehrung aber findet der Mensch nur solche Gegenwehr, die gegen das Leben selbst geht. Perversität oder stumpfe Ergebung, das ist das Ergebnis der Wandlung des Arbeitsmotivs aus Soll in Muß im Namen der Liebe! Heut wenigstens antithetisch noch kräftig verlischt dann der ethische Charakter der Arbeit, und geht über in entweder Sünde oder A-Moral. Wobei ich das letztere für das schlimmere halte und „Sünde64 im biologischen Sinn meine. Doch gesetzt den anderen Fall, daß die Liebe den Einzelarbeitern zu Muße hilft, und gesetzt das Günstigste (nicht Wahrscheinliche), daß auch die tieferen und mittleren Volksschichten diese Muße nicht mißbrauchen zu Blauen-Montags-Vergnügen und Rentner-Philisterei, sondern darin ihre Seele zu finden verstehn werden: - was sollen sie tun? Nicht nur um überhaupt die Langeweile zu bannen (wiewohl die schlimm droht), sondern um der Seele die beiden Güter zu erhalten, um derentwillen sie auch zu ihrer widerseelischen Arbeit Ja sagt, - oder um sie ihr zu ersetzen Rausch und Macht! Rausch - ein Automobilfahrer kann nicht mehr Postkutsche fahren, obwohl er sich gestehen kann, daß Automobilfahren seelenloser. Wir haben uns eine Vehemenz der Lebenakte angesteigert, die unsere Seele mit Verzweiflung bedroht, wenn sie mit weniger Spannung auskommen soll. Teufel Arbeit ist der Gott unsres Lebens geworden: lieber Sterben als Vacuum! Glauben wir nicht an die Arbeit, so doch an ihre Unentbehrlichkeit; wir sterben an Luftmangel, wenn mit weniger Arbeit gespeist; ohne die Prallung dieser Energie schlappt unsere Seele zusammen. Wie der Trinker mit Todesangst sich gegen die Liebe wehrt, die ihm die verderbliche Flasche zu entreißen Einsicht hat, so stehen wir zum Arbeitsrausch : ich bezweifle, daß wachsendes Besinnen der Seele ihr wirklich die 38

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.