Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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FLORENS CHRISTIAN RANG GLAUBE, LIEBE UND ARBEITSAMKEIT Ein Brief an Walther Rathenau Koblenz, im Mai 1914 Sehr geehrter Herr. Unser neuliches Gespräch hat uns, wie wir uns werden gestehen müssen* den erwünschten inneren Anschluß nicht gebracht. Da aber ein Mann von so reiner Empfindung wie Herr van Eeden annimmt, daß wir zu gemeinsamem Wirken verbunden sein könnten, bitte ich um die Erlaubnis* in einem schriftlichen Versuch noch einmal anzuknüpfen. Vielleicht kann ich es jetzt besser als damals, weil ich inzwischen Ihr „Zur Kritik der Zeit" mir eingearbeitet habe. Das ich damals erst zur Hälfte gelesen (ich darf später erklären, warum). Dies Ihr Buch diene mir denn heute zum Anhalt! Und da finde ich gleich ein weites Gebiet tiefen Einverständnisses zu dem, was Sie von der Sehnsucht unsrer Zeit sagen - und, was mehr ist, nie Sie es sagen. Vor allem aber: daß Sie es sagen, nicht um es in die Lüfte zu klagen, sondern, um das Handeln zu bestimmen, das abhelfen könne. Auch erhoffe ich Ihr Einverständnis, wenn ich zusetze: der Notgang des mechanistischen Getriebes, den Sie zeichnen als ein mitten drin Stehender, verträgt und bedarf noch einer Ergänzung seiner Schilderung von der anderen Seite: von dem aus, der gesucht hat (wie ich - ich nehme an, Herr v. Marschall hat Ihnen von meinem Leben erzählt), rein aus den Kräften der Seele zu leben und mit ihnen diese Verkettung zu überwinden - und der dabei die Seele hat ohnmächtig finden müssen und den mechanisierten Dingbetrieb so übermächtig, daß durch Ruin der äußeren Verhältnisse er den vernichtet, der sich ihm nicht einspannt. Dieselbe Not ist doppelt fühlbar: unser praktisches Leben, verzweckt wie es ist, entbehrt der Seele, und unsere Seele, ob sie noch so sehr ringt, der praktischen Wirkung. Unsere Beter und Künstler hauchen ins Leere, ohne Einfluß auf das Verhältnis von Mensch zu Materie, ja nur auf das von Mensch zu Mensch. ..Der Mensch begehrt Glauben und Werte" - ja! Und auch dazu sage ich Ja, daß unser geistiger Betrieb sie nicht gibt, unsere Philosophie, Religion, Wissenschaft, Kunst uns nicht Glauben 34