Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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kostbare, herrenlos gewordene Schnitzwerk in den Arm und trug es mit den jubelnden Frauen heim. Nun steht es, notdürftig ergänzt, in meiner Stube und w artet auf die Mußestunden, in denen ich es in seiner ursprünglichen Schönheit wiederherstellen und an der Hauswand anbringen will. Ginge ich noch in die alte Schule, so würde ich in einer kunstgeschichtlichen Abhandlung das Schnitzwerk als eine ikonographische Seltenheit behandeln. Denn noch auf keinem Bildwerk der Immaculatareihe habe ich wie an unserem Funde beobachten können, daß der Bildschnitzer den Versuch machte, die „inimaculata concepta" zugleich als „immaculata de Spiritu Sancto concipiens", also sowohl das Festgeheimnis des 8. Dezember wie das des 25. März darzustellen: Sie hält mit ihrer Linken die Taubengestalt des Heiligen Geistes an ihrer Brust und ist hoffende Mutter. Ich würde sogar, soweit ich dies hier mit den vorhandenen wissenschaftlichen Hilfsmitteln feststellen kann, ernstlich behaupten, daß es ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Mariendarstellungen werden dürfte. Aber wie könnte ich in eine solche Abhandlung all meine Freude und all die Tröstung und Kraft hineinschreiben, die mir aus jenem Gebüsch gekommen sind! Und die doch halt für mich tausendmal wichtiger waren als alle kunstgeschichtlichen Forschungsergebnisse, obwohl ich zugestehen muß, daß mir manchmal auch ein wissenschaftliches Fündlein Freude und Kraft gebracht hat. Dies hat sich zugetragen, als der Rohbau meines Hauses der Vollendung entgegenging. Etwas Ähnliches trug sich zu, als wir endlich den Fertigbau einrichten konnten und die von den Großeltern und Eltern überkommenen Geräte und Geschirre in der sogenannten Elternstube aufzustellen begannen. Ich brachte für Großvaters Krippenfiguren ein Bortbrett über der Kammertür an, machte wohl auch einen Stall dazu und stellte die noch erhalten gebliebenen Figuren auf. Daß der Stern samt dem einen der heiligen Dreikönige, dem „weißen", dem knienden, dem zum Ziel gelangten, im Laufe der Jahre verschwunden war, habe ich ja schon in meinem „Herrgottswissen66 erzählt, - in der allerersten jener „Geschichten66, wegen deren ich meinen letzten Schulwechsel vollziehen mußte. Da war es so wie bei der bekannten Übung im optischen Unterricht : Man blickt längere Zeit auf ein in schwarze und weiße Flächen odei Figuren geteiltes Papier, erhebt dann seine Augen plötzlich zur weißer Decke des Schulzimmers und sieht dort das Gegenspiel der Farben de* 32