Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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wie Paulus es getan hat. Und sonderbarerweise hat sieh trotz der unzähligen Doktordissertationen noch niemand die Aufgabe gestellt, diesen Widerstand in seiner ganzen Ausdehnung und seiner Konsequenz einmal wissenschaftlich zu behandeln. Man sieht nur immer sein einzelnes Tun, und dies bringt man wissenschaftlich leicht irgendwo unter. Und umgekehrt hat man die Neigung, alle die einzelnen Widerstände unter einem allgemeinen Namen oder Gesetz unterzubringen oder sie auf irgend etwas anderes zurückzuführen, um sich so dem vielfachen Angesprochenwerden und der Notwendigkeit, nach vielen Seiten hin zu antworten, nach Möglichkeit zu entziehen. Sie sind Geschaffene wie wir und als Geschaffene mit uns gleichberechtigt. Ebensowenig wie wir erfaßt werden, wenn man uns auf die Vermählung unseres Urahns mit unserer Urahne zurückführt oder wenn man uns unter den Begriff „der Mensch" subsumiert, ebensowenig lassen sich diese Geschaffenen durch Aufdeckung ihrer Ursachen und durch Definitionen erfassen und geistig erledigen. Wir haben ihnen zu gebieten. Wie notwendig ist es da, sie zu respektieren! Wir haben ihnen zu gebieten, aber was wir einstweilen tun, ist bloß körperliche, wenn auch noch so geistreich ausgeklügelte Gewalt gegen Gewalt. Sie sprechen zu mir: „Deine Stunde ist heute noch nicht gekommen, dein Werk zu vollenden oder soundso weit zu bringen"; sie können dies nicht anders sagen, als indem sie uns auf einemWege aufhalten, einWerkzeug verlegen oder zerbrechen, einen unserer Arbeiter krank werden lassen oder sonst eines der abertausendMittel anwenden, die ihnen zur Verfügung stehen. Wir antworten darauf mit Ungeduld, Zorn und Gewalt, und der Fluch ist meist die einzige Fojrm, in der wir ihnen gebieten möchten. Und doch kommt erst dann unsere Stunde,wenn wir unserer eigenen Kreatur und diesen Kreaturen in rechter Weise gebieten. Irgend etwas von dieser Tatsache liegt in dem Worte Jesu: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Ach ich kann noch nicht viel davon sagen, denn ich bin noch Anfänger in dieser Schule! Als Jesus die Welt verließ und in die Einsamkeit der Wüste ging, die noch viel mehr undienstbare Erde war als mein Neusorger Wiesenrand, begegneten ihm auch die Widerstände, und der Evangelist schildert sie unter den Gestalten des Satans - es war die einzige Möglichkeit, die wirklichen Vorgänge zu schildern. Am Schluß des langen Berichtes schreibt der Evangelist: „Engel kamen und dienten ihm." Ich bin überzeugt, daß hinter diesem kurzen Satze wenigstens ebenso viele und ernste Vorgänge 26