Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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das. zu Schreibende wie eine Gnade angeboten und wie eine Schau vor mich hingebreitet wurde, konnte ich doch erfahren, wie manche Dinge, die ich längst im Glauben und im Tun darstellte, sich mit aller List und Kraft wehrten gegen die Einladung in Wort und Schrift hinein. Man sagte mir wohl: „Sie sind dir eben noch nicht klar genug.66 Aber sie sind ja viel klarer im Glauben und Tun, als sie jemals im Wort werden können. Ich denke mir, sie wollten nicht in meineWorte hinein, in die ich sie einfangen wollte; sie wollten erst das Wort bilden, in dem sie sich offenbaren und in die aussprechbare Kreatur eintreten wollten; und sie wollten sich erst dazu zwingen lassen, weil die Offenbarung immer in höchster Kraft, in äußerster Not, in letztem Ringen, in der Fülle der Zeit geschehen will. Manche Kenntnisse in meiner Fachwissenschaft versteckten sich geradezu mit List vor mir, offenbarten sich meinem Spürsinn, soweit, daß ich ihr Dasein erriet, erregten in mir die Lust, nach ihnen zu jagen, ließen sich aber nicht fassen, guckten immer wieder um irgendeine Ecke herum, verschwanden wieder, bis ich der Jagd müde war und jahrelang mein Bemühen um sie einstellte; dann legten sie sich oft ungerufen, in einem „glücklichen Zufall" in meine Hände. Es war dies alles meistens ein gutmütiges Spiel. Manchmal freilich kamen Neckereien und Täuschungen vor, die ich geradezu als bösartig empfand. Ich schrieb aber damals alle diese Vorgänge meinem eigenen Geiste zu, seiner Schwäche, seiner Irrtumsfähigkeit, nicht aber der Eigenart der geschaffenen geistigen Welt, die ihr Wesen und Treiben gerade dadurch am besten verbergen kann, daß wir es zunächst auf Konto unseres eigenen Wesens und Treibens schreiben. Der geistigen Welt gegenüber ist es ja auch viel schwerer zu erkennen und zu unterscheiden, was von ihr aus auf uns und was von uns aus auf sie wirkt, weil die geistige Welt viel weniger deutlich und gänzlich außerhalb von uns hegt und wirkt als die körperliche Welt. Ist es doch soweit gekommen, daß die Menschen überhaupt an keine geistige Welt außerhalb des Menschengeistes glauben wollen (ob sie es wirklich können, möchte ich nicht entscheiden; sie bauen sich an Stelle der geleugneten Geisterwelt die transzendente Welt und schieben dort all ihren überflüssigen Geist hinein). Darum war es notwendig und eine große Gnade, daß ich aus meinem „geistlichen Leben66 und meinem „rein geistigen Berufe" herausgerissen und in diese ganz unakademische Welt hineingestellt wurde, wo ich der Kreatur Gottes Stirn gegen Stirn begegnen konnte. 16