Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie leichtfertig hatte ich hisher über das Bibelwort hinweggelesen: „Erfüllet die Erde und machet sie euch Untertan44! Es steht in diesem Worte, daß die Erde nicht als untertänig geschaffen worden ist, so wenig wie sie als erfüllte Erde geschaffen worden ist. Sie begegnet dem Menschen nicht als dienstbare Erde; sie hat die Kraft, nicht zu dienen, zugleich aber die Kraft, dienstbar zu werden; sie hat Macht, sich zu wehren gegen die Untertänigkeit, und Macht, untertänig zu sein. Wer sie nur als untertänig kennt, der kennt sie nicht, so wie einer den Löwen nicht kennt, wenn er nur dressierte Löwen kennt. Die Menschen in akademischen Berufen, die Menschen in den Stadtwohnungen, in den Büros, hinter den Schaltern lernen meist nur die dienstbar gemachte Erde kennen; sie könnten gar nicht ihren Beruf erfüllen, wenn es nicht so wäre; es wirkt störend genug, wenn ein Teil der dienstbar gemachten Erde, z. B. die Schreibtischlampe oder die letzte Feder versagt. Sie haben sich derart an die dienstbar gemachte Erde gewöhnt, daß sie kaum noch der ungezählten Kämpfe und Mühseligkeiten gedenken, in denen andere Menschen der Erde diese Dienstbarkeit abgerungen haben. Sie essen ihre Frühstücksemmel, waschen ihre Hand in dem ihnen freundüch entgegenrinnenden Warmwasser der „Leitung44, tauchen ihre Feder in die Tinte, fahren mit ihr über das schöne glatte Papier - ach, wie ihnen alles entgegenkommt, wie ihnen alles gehorcht, wie ihnen alles dient! Sie brauchen nicht einmal einen Befehl auszusprechen; sie erkennen nicht einmal das Dienstbarliche und Gehorchliche in dem Geschehen; es ist ihnen alles dies Selbstverständlichkeit - ach, ihr Herz wäre gar nicht groß genug, um die Freude, den Stolz, die Dankbarkeit zu fassen, die über sie käme, wenn sie dies erkännten! Nein doch, es gibt schon Menschen, die es erkennen; sie dürfen es aber meist nicht verraten, um nicht als Sonderlinge verschrien zu werden. Unser alter Professor der Moraltheologie, Adam Krawutzcki - er hieß nicht umsonst Adam, denn er war bei aller Gelehrsamkeit ein ganz ursprünglicher und darum oft verlachter Mensch geblieben - sagte uns einmal im Kolleg, als er die Kraft der Freude im sittlichen Leben besprach, in seiner frommen Art: „Ich bete täglich, ehe ich nach dem Kirchgang wieder meine Wohnung betrete, in Freude und Dankbarkeit ein Vaterunser für alle, die an meinem Hause gebaut, die das Wasser gezwungen haben, in meine Wohnung heraufzusteigen, die der Erde den Brennstoff abgezwungen haben - ach, ich werde nie fertig mit meinem Dank, denn 17