Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Schule entlassen wird, darf er doch wenigstens alle Künste mitnehmen, die er in der Schule gelernt hat. Ich aber sah mich auf einmal entblößt aller dieser Kenntnisse und Künste. Selbst die Sprache der alten Schule war mir abhanden gekommen. Ich konnte noch dies und jenes mühsam reproduzieren, konnte ein Aufsätzlein schreiben in der Art, wie ich vordem Bücher schrieb, aber es war so, wie wenn ein toter Karpfen noch eine Zeitlang mit dem Schwänze schlägt. So kann Rom und so konnte Jerusalem töten; es hat Macht über Leben und Tod, aber nur immer über das alte Leben, nicht über die Auferstehung. Ich glaubte zunächst, in eine Schulklasse versetzt zu sein, in der man die Kunst geistiger Armut, die Kunst des Gestorbenseins zu lernen hat. Ich baute mir an den Erlen des väterlichen Wiesengrundes ein Haus für meinen Leib, ein Haus wie ein Grab, aber wie ein Grab in Auf erst ehungs glauben. Ich hätte sogern einmal Biologie studiert aus lauter Verliebtheit in das Schöpfungswerk Gottes. Aber das war nicht die neue Schule, für die ich angemeldet war. Biologie studieren schon zu viele. Auch das war es nicht, was offen am Tage liegt, daß sogar meine Nachbarn davon sprechen, nämlich daß der Bau meines Hauses eine gute Schule für mich und meine Baugesellen war. Sie war es, aber es lohnt sich nicht, viel davon zu sagen. Denn Bücher und Aufsätze über den ländlichen Hausbau gibt es schon viele. Als Sohn einer alten Zimmermannsfamilie meinte ich, es wäre eine Schande, wenn ich mir das Haus von einem anderen entwerfen und bauen ließe. Ich wollte weder schöner noch bequemer wohnen, als ich bauen könnte; meinte auch, eigene Baufehler besser ertragen zu können als Fehler eines fremden Baumeisters. Dazu kam, daß einer meiner liebsten Nachbarn ein tüchtiger Maurerpolier war, und ich hatte genügend vom Zeichenbrett meines Bruders abgeguckt und schließlich auch einige Jahre Vorlesungen über kirchliche Baukunst gehalten, so daß ich die Entwürfe und Grundrisse und Querschnitte zur gütigen Zufriedenheit der örtlichen Baupolizei herstellen konnte. Tausend Dinge lernte ich aus der freundschaftlichen Unterhaltung mit meinen Maurern und Zimmerleuten und aus der Beobachtung ihrer Arbeitsweise. Ich sah bald, daß die Summe der Kenntnisse eines Handwerkers, zusammengezogen aus jahrhundertealten Erfahrungen und eigenen Erlernissen nicht viel geringer ist als die eines Universitätsprofessors, und die Leute waren erfreut und dankbar für die Mitteilung meiner baugeschichtlichen Kenntnisse und mancher 14