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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 1 · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 1
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Ich weiß nicht, ob einmal eine Zeit kommen wird, in der die Wissenschaft solche Dinge ernst nehmen wird; in der die Kunstgeschichte all das geheimnisvolle Geschehen beim Bildermalen, all die „liebenswürdigen", aber auch die unliebenswürdigen „Zufälle", für die wissenschaftliche Behandlung eines Bildes verwerten und dadurch sich selbst zu einer wahren Wissenschaft erheben wird. Aber ich weiß, daß solche Dinge zum Sechstagewerk Gottes gehören und mit Namen genannt werden müssen; daß eine Sprache dafür gefunden werden soll. Denn wenn Gott dem Menschen eine seiner Schöpfungen nahebringt, will er „sehen, wie der Mensch ihr rufe". Und was er geschaffen, wird da sein, sobald der Mensch das Anrufen wagt. Als ich noch in den früheren Schulklassen meines Lebens saß; als ich lernend und dann lehrend mitten in den alten, approbierten Schulen stand, tausendfach gebunden an ihre Meinungen und Richtungen und Stoffauswahlen, hatte ich wohl Furcht, mich mit solchen Sachen unsterblich zu blamieren, mich und meine Freunde zugleich. Ich mußte trotzdem davon reden und erlebte zunächst das Seltsame, daß die Schule es jahrelang ertrug. Dann aber konnte ich mich doch nicht mehr behaupten; ich hatte so viel Un- Schulgemäßes geredet, daß die alte Wächterin der Schulen gegen mich aufstand, die Kirche. Und es war ein merkwürdiges Spiel. Die Kirche wußte, daß ich ihr treu ergeben war und daß ich ihr viele von ihr Entfremdete wieder zurückführte. Mein Leben lang hatte ich ihr gedient, aber sie mußte mich von der Schule entfernen, denn ich mußte frei von der alten Schule werden, um ihrer Methode und Stoffauswahl nicht mehr verpflichtet zu sein. Bei solchen Geschehnissen hat und nennt man immer irgendwelche Gründe und ist auch von Herzen überzeugt, daß man nur aus diesen Gründen handle; in diesem Falle aus dem Grunde, daß meine „Irrtümer den heiligen Glauben wenigstens teilweise von Grund auf untergrüben". Tatsächlich aber geschah es, weil es geschehen mußte. Es sitzt da auch eine Amsel im Gezweig. Anerkannte, approbierte, gesellschaftsfähige Kräfte und Gestalten, hier die „Reinheit des Glaubens66 und der „Gehorsam gegen das I-Pünktchen des kanonischen Rechts64 decken das Tun von noch ungenannten Kräften, die sich entweder dafür rächen wollten, daß ich schon von ihnen gesprochen hatte, oder die mich frei machen wollten von der Schule, damit ich frei von ihnen sprechen könnte. Ich muß ein Wort meines Meisters in neue Form gießen: „Solche arge Dinge müssen kommen, aber leid tut es mir um jene, die sich mit der 12

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