Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Geäst über dem heiligen Fr an?; eine Amsel huscht; ich selbst, der ich ein Beobachter von kleinen Nebensächüchkeiten und ein Verächter der großen Hauptsachen bin, sah sie zuerst nicht; sah kaum das Tischtuch mit den Speisen; so sehr hielten mich die Gestalten der Heiligen gefangen. Bis mir der Maler von dem Geschehen berichtete. Ein Maler lebt von seinen Bildern. Seine Gestalten müssen nicht nur schön, lebenswahr, lebensvoll sein und allen Ansprüchen der Kunstkritik genügen, sondern müssen ihn auch ernähren, müssen ihm neue Aufträge herbeischaffen. Hungern lassen können sie ihn, aber nicht verhungern lassen. So sollten auch diese Gestalten dem Maler einen neuen Auftrag einbringen. Aber der Pfarrer, von dem alles abhing, erklärte, daß sie absohlt unreligiös und ungeistig seien. All die große Schar der Heiligen vermochte also dem Maler kein Brot zu bringen. Vielleicht hätte es die Amsel vermocht, gleich dem Raben, der den Propheten ernährte. Wenn man nur dieses liebe, schwarze Tierlein überhaupt gesehen hätte! Mit der Amsel aber war es so: Als der Maler im Mai mit dem Bilde begonnen und es eben durchgezeichnet hatte, flatterte es an seinem Atelierfenster; im nächsten Augenblick erschien über dem Bildrahmen eine junge Amsel und setzte sich ruhig gerade über den heiligen Franz. Dieses Vorkommnis ist eine jener Schöpfungen Gottes, von denen ich sagte, daß man sich im allgemeinen geniert, sie ernst zu nehmen, sich zu ihnen zu bekennen. Ich selbst möchte es nun nicht als wissenschaftliche These aufstellen, daß der Vogel als Erbschaft aus dem 13. Jahrhundert die Kenntnis der echten Franziskusgestalt in sich trug, und daß sein Flug zu dem gemalten Franziskus der beste Beweis dafür sei, wie getreu der Maler das echte Franziskusgestaltige wiedergegeben habe. Und doch muß ich sagen, daß ich das, was hier geschehen, sehr ernst nehme, nicht bitter ernst, wie man sonst seine Uberzeugung nimmt, sondern süß erriet; im Sechstagewerk Gottes gibt es auch süße Sachen, die deshalb, weil sie süß sind, nicht unwahr oder nebensächlich und unbedeutend sein müssen. Der Maler schrieb mir am Heiligen Abend, an dem ja auch die Tiere reden können, von alledem. Und schrieb dazu: „Es war ein liebenswürdiger Zufall, - denn wenn es mehr wäre, wäre ich dessen nicht wert/4 Tatsächlich weiß er im Innersten, daß es mehr war. Er malte den Vogel in das Bild hinein und tat somit ein Bekenntnis, das er aus Bescheidenheit nicht mit Mund oder Feder aussprechen konnte. 11