Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie es aber in der Gesellschaft ist, daß man nämlich eine bestimmte Anzahl Menschen kennt und die anderen „einfach nicht kennt" oder erst in der Not kennt, so ist es in der Schule. Man sieht die Gestalten, aber man ignoriert sie; man mag sie nicht anrufen; man mag sie nicht einmal wissenschaftlich beschreiben; sie sind zu wenig von unserer Art; sie sind unbequem; sie entziehen sich dem Experiment; sie lassen sich nicht erklären; sie sind - o pfui! - beinahe okkult, haben wenigstens „so was Mystisches" an sich. Oder sie „verkehren" mit jedem Bauern und Handwerker. 0 ja, Bauern und Handwerker haben mit vielem zu kämpfen oder nehmen vieles zum Dienst - ich möchte beinahe sagen: sie wissen von vielem, aber zu einem eigentlichen Wissen wird dieses tägliche Füreinander- und Gegeneinandersein gewöhnlich nicht —, was in der Schule nie genannt, nie wissenschaftlich behandelt wird. Und doch sind dies alles Schöpfungen Gottes, Geschöpfe Gottes. Manchmal sagt man, daß man sie erst in der Schule des Lebens kennen lerne. Wenn man nur das Leben ebenso ernstlich zum Kennenlernen und zum Nennenlernen benutzen wollte wie die Schule! Wenn man auch außerhalb der Schule, also im Leben, noch etwas vom Sechstagewerk Gottes wissen möchte! Und wenn man sich nicht genierte, von solch unwissenschaftlichen Dingen" zu reden oder sie irgendwie ernst zu nehmen und Fragen an sie zu tun! Jüngst malte ein Maler in einer großen deutschen Kaufmannsstadt, die an Wirklichkeitssinn ihresgleichen sucht, für das Refektorium eines Kapuzinerklosters ein großes Wandbild: Auf der Erde ausgebreitet hegt ein Tischtuch, darauf eine Schüssel mit Fischen, auch ein Krug, Teller und Becher, mehrere Brötlein und Früchte. Ich muß an die Darstellungen altchristlicher Mahle in den Katakomben denken. Vor diesem Franziskanermahl kniet mit segnenden Händen der heilige Franz, und zu seiner Rechten und zu seiner Linken knien und lagern die Mitglieder seiner großen Familie, lebensvolle, von starkem Geist gehaltene Gestalten. Ein mächtiger Baum windet und schnürt hinter Franz seinen Stamm aus der Erde und trägt seine Krone zum Himmel. Rechts und links Klostermauern mit Türen und Fenstern, im Hintergrund Assisi. Es ist eine Pracht von Gestalten rings um den heiligen Franz. Trotz des schattenden Baums stehen sie im vollen Lichte. Alle ihre Wunder bergen sich in den schweren, faltenreichen Stoffen ihrer Gewänder, zwingen sich aber doch in den Gesichtern an den lichten Tag. Während - fast kaum zu merken - in dem 10