Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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leert sich die schon im ersten Kapitel der Genesis reiche und im weiteren Verlauf der Heiligen Geschichte immer reicher werdende Bühne des Sechstagewerkes Gottes, statt daß sie vor dem schauenden Auge immer gestaltenreicher und lebensvoller würde. Die Wissenschaft hat einen verdammten Zug, mit den Dingen fertig zu werden, ehe noch Gott mit ihnen fertig wird; sie beseitigt die Dinge, indem sie die Dinge so erklärt, daß man nicht mehr nach ihnen zu fragen gezwungen ist; und wir wissen es ja: nach wem man nicht mehr fragt, der ist für uns nicht mehr da. Zum Glück ist aber nicht jeder Schulunterricht geeignet, die Werke Gottes zu zerphilosophieren. Der Tag, an dem Gott dem Adam alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels brachte, zu sehen, wie er ihnen rufe, dauert noch an, und die Schultage gehören dazu, und Gott bringt nicht nur die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels, sondern auch die Geister, die er schuf, in den Gesichtskreis und den Rufbereich des Menschen, und indem der Mensch ein Geschöpf anrufen lernt, ist es für ihn geschaffen und ist für ihn da, so sehr im eigentlichen Sinne da, daß es vorher wirklich gar nicht da war. Als ich die Worte Fiale, Wimperg, Lisene, Dienste noch nicht kannte, gab es für mich auf der ganzen Welt noch keine Fialen, Wimperge, Lisenen und Dienste, obwohl ich täglich an ihnen vorüberging; ich sah nur den Dom, als hätte der alte Meister nur den Dom gebaut. Als ich aber diese Dinge nennen konnte, waren sie auf einmal da, und sogar der Dom war in ganz anderer Weise da, als ich ihn vorher täglich gesehen hatte. Später durfte ich diese Freude noch einmal erleben, als ich meinen Studenten, die auch täglich am Dom vorübergingen, jene Namen sagen durfte; einige sagten mir am Tag darauf: „Wir hatten den Dom bisher noch nie gesehen"; sie waren so freudevoll und dankbar, als ob ich den ganzen Dom geschaffen hätte. Und ich sage frei heraus: Ich habe ihn erschaffen; er wäre ohne mich oder einen anderen, der jene Namen sagen konnte, nie dagewesen in der Welt meiner Studenten. Deshalb meine ich, daß jener Tag, an dem der Lehrer Knebel von der Erschaffung der Welt zu reden anfing, nicht mehr aufhörte, weil ich immer wieder neue Namen rufen lernte, so daß neue Gestalten auf die Bühne des Sechstagewerkes traten, und es traten viel mehr neue Gestalten auf, als die Wissenschaft „zurückführen", „zergliedern", zerphilosophieren und auffressen konnte. 9