Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 131)
- Language
- German
- Belongs to
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FLORENS Florens Christian Rang ist kaum mehr als sechzig Jahre alt geworden, aber es ist mir als sei seine Art die eines jüngeren, sein geistiges Gesicht das eines älteren gewesen. Er war von straffer Gestalt und lebhaft wie ein Militär; ich seh ihn noch, wie er mir am frostig hellen Wintertag nach Verabredung auf der schneebedeckten Landstraße zwischen Wetzlar und Braunfels begegnete, einsamer \\ anderer, die Feldmütze auf den grauen Haarsträhnen. Dann sprachen wir im Gehen, beim Landschaftlichen das Politische mit berührend, daneben von kirchlich-historischen Dingen. Wenige haben das in Raum und Geist gewordene Deutschland - > an sich selbst erlebt wie dieser Mann, der Jurist, Philosoph, Theolog in einem und daher jedes fast ohne Grenzen war und neben dem Gelehrten zugleich ein Praktiker von eminenter Erfahrung; der faustische Charakter ist mir selten so klargeworden. Wir gingen bergauf und ab bis an das Landhaus in dem Tälchen vor Braunfels, im kleinen Garten ein kleines Haus mit engen Stiegen, mit Bücherstube und Ziegenstall, die Arbeitsstelle unterm Dach, die Feierabendbank im Freien. Dort lebte er, ein Eremit ohne das Mönchische, ein Patriarch, dem sich sein \ olk nur in einem kleinen Kreis von Freunden und in der Abgezogenheit schwerster politischer Probleme darstellte, ganz abendländisch, der Tätigkeit scheinbar schon entrückt, in irklichkeit ihr besonders nahe. Er hatte ja auch, um sich in seinem Phrontisterion der Wirklichkeit nicht zu entfremden, im benachbarten Wetzlar das Ehrenamt eines gewerblichen Schiedsrichters übernommen, das er mit großer Gewissenhaftigkeit ausfüllte. Dadurch war gleich in dem ganzen Ländchen ein natürlicher Respekt um ihn her entstanden. Die Spannungen der Gesellschaft, das wirkende Leben richterlich zu ergründen, schien mir die Leidenschaft dieses Mannes zu sein. Seine offenbare Liebe zur menschlichen Angelegenheit schien mir aufs engste mit einem Drang zur aktiven Gerechtigkeit verschmolzen, der sich aus Göttlichem herleitet; so hatte sein Wesen etwas Unverwesliches, Salziges. Er hatte sich im übrigen, - Beweis einer schweren Vereinzelung, - den Stimmen und Gesichten ergeben, er schrieb. Seine geschriebene Sprache ist schwierig wegen der Energie und Reinheit der Reflexion. Selbst sein mündlicher Ausdruck spiegelte das wieder, er war auch in der Einfachheit von genauester Prägung. Dieser Mann hing am Eigentlichen, aber er umrankte skrupeihaft wie ein Quäker der alten Schule das Herbe, Schroffe mit Zügen zartester Empfindung. Er war in unserem kleinen Frankfurter Bund der Älteste, und das beinah im biblischen Sinn. Dieser Bund hatte sich etwa seit 1920 geschlossen, fern genug den emotionalen Windströmen der Tagesmeinung, nah genug dem Leid des Zeitalters. Die Frucht unseres Zusammenstehens, unseres gemeinsamen Erarbeitens einer Haltung vom Gewissen her, - die einzige vielleicht, die sichtbar bleiben wird, — ist F. Chr. Rangs „Deutsche Bauhütte, ein Wort an uns Deutsche über mögliche Gerechtigkeit gegen Belgien und Frankreich" (1924, Verlag Eberhard Arnold, Sannerz und Leipzig). Rang trieb Philosophie der Politik. Er drang auf Gestaltung der sozialen Schicksalsmächte, so wie Denker der Antike, doch auch 131