Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 130)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Denn Poesie ist zwar die Muttersprache des menschlichen Geschlechts - wir brauchen die Hamann-Herdersche Weisheit nicht zu verleugnen. Aber eben nur des Geschlechts. So, wie noch heute die Sprache jedes Kindes ursprünglich lyrisch und magisch ist, verzücktes Aufzucken des Gefühls und wirkungskräftiges Werkzeug der Begier, und beides oft im gleichen Laut, und wenn selbst im Wort dann doch auch es nur lautend: und wie dann doch das Kind erst zum Menschen wird, wenn durch diese seine „Ursprache44 die unlyrische und unmagische, sang- und spruchfremde Fülle des Wortes bricht, ein Hervorbrechen, das wie jede echte Offenbarung immer erst hinterher wahrgenommen wird und sich der zeitlichen Festlegung auf einen bestimmten Augenblick der Vergangenheit entzieht: so bricht auch eines Tages, und niemand weiß nachher welchen Tages, durch jene Ursprache des Menschengeschlechts die Sprache der Menschheit im Menschen, die Sprache des Worts. Die Bibel ist der Hort dieser Sprache des Menschen, weil sie Prosa ist. Prosa noch im verzückten Sang der Kündung, noch im wirkungsmächtigen Spruch des Gesetzes. Sie ist als Schrift Niederschlag, nachträglicher, Nieder-Schrift, des geschehenen Durchbruchs des Worts, der in der Geschichte des Geschlechts genau da steht, wo in der Geschichte des Einzelnen: am Augenblick seiner Menschwerdung. Das Wort, das keine Maße und Bindungen erträgt, weil sich die Seele in ihm entbindet und vermißt, ist in sie gesprochen, spricht aus ihr. Es gab vor und außer ihr Prosa; das war Nichtpoesie, ungebundene, keine entbundene Rede, ungemessenes, nicht maßlos-übermäßiges Wort. Alle Poesie, die seither in ihrem Lichtkreis entstanden ist - ja die Poesie mehr als die Prosa: Jehuda Halevi mehr als Maimonides, Dante mehr als Thomas, Goethe mehr als Kant - ist von ihrem Geist der Prosa begeistet. Seither ist in das nächtige Schweigen, das das Menschengeschlecht in seinen Ursprüngen umgab, jeden von jedem und alle vom Draußen und vom Drüben trennend, das Tor gebrochen, das nie ganz mehr zugehen wird: das Tor des Worts. 130