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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 129

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 129)
Language
German
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und gar Konsonantenbestand des hebräischen Textes, der in einem für den heutigen, kritisch voreingenommenen Menschen überraschenden Maß seine so gut wie durchgängige Zuverlässigkeit, oder vorsichtiger ausgedrückt: Brauchbarkeit, weist. Dort, bei der Kolengliederung, handelt es sich eben nur scheinbar um eine schon den Setzern der Akzentzeichen bewußte Aufgabe; die doch in Wahrheit für sie gar nicht bestand, da ihnen die Mündlichkeit der Mikra, des „Gerufs", durch das Gesetz des Kults gesichert war und es ihnen also nur darauf anzukommen brauchte, innerhalb dieser gesicherten Mündlichkeit für Verständlichkeit zu sorgen. Während hier, beim überlieferten Wortlaut selber, der Alttestamentier von heute, mit all seinem amtscharismatischen Scharfsinn und mit all seiner gegen jene alten Juden um mehr als tausend Jahre fortentwickelten Kenntnis des biblischen Hebräisch, doch in der heikelen Situation ist, vor genau der gleichen Aufgabe zu stehen, vor der jene standen, und also auch an den fragwürdigsten Stellen des Textes doch immer nur ein bestenfalls Wahrscheinliches für ein immerhin Mögliches zu setzen. Der Zwang zur Freiheit, der dem Ubersetzer so an diesem Punkte verhängt ist, die Notwendigkeit, die Atemzüge des Worts allein aus den Schriftzügen der Schrift zu erhorchen, wird ganz deutlich da, wo die Rede nicht nach ihrem Inhalt allein sich gliedert, sondern einem selbstauferlegten Gesetz folgt: in den gebundenen Rhythmen der Poesie. Die metrische Bindung ergibt ja von selbst, wenigstens in einer Poesie, die wie die dichterischen Partien der Bibel auf die Reize der Uberschneidung von Vers und Gedanke verzichtet, eine obere Grenze auch für die Länge des „Atemkolons"; am Versschluß holt man da eben auch Luft. Aber während sonst diese obere Grenze zugleich auch die untere ist, man also die metrische Gliederung unmittelbar an der Schreibweise ablesen kann und das poetische Gebild so viel Zeilen hat wie Verse, ist das in der neuen Ubersetzung zwar meist, aber nicht grundsätzlich der Fall. Sondern hier bricht bisweilen die atmende Bewegung der natürlichen Rede den gebundenen Tanzschritt der Poesie. So in den Verkündungen des sterbenden Jakob an seine Stammsöhne. Da entsprechen die zwei ersten Kolen der Ubersetzung durchweg nur einem Verse des Metrums, am eindrücklichsten in der Verkündung an Jehuda. Die sich von innen her rhythmisierende Rede des Worts siegt da über den abgemessenen Takt des Gesanges, Prosa über Poesie. 129

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