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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 127)
Language
German
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Der Atem ist der Stoff der Rede; so ist das Atemschöpfen ihre natürliche Gliederung. Es steht unter seinem eigenen Gesetz: Mehr als zwanzig oder allenfalls dreißig Worte wird man kaum sprechen ohne ein tiefes, nicht bloß nachfüllendes Erneuern des Atems, meist sogar nur fünf bis zehn; aber innerhalb dieser Grenzen folgt die Verteilung der atemerneuernden Schweigen dem inneren Zuge der Rede, der ja nur gelegentlich von ihrem logischen Aufbau bestimmt ist, meist aber unmittelbar die Bewegungen und Erregungen der Seele selber in seinen Stärke- und vor allen in seinen Zeitmaßen spiegelt. So gliedert sich die ziehende Rede in untereinander gleichwertige, sozusagen (aber wirklich nur sozusagen) zeitgleiche Atemzüge, vom einzelnen Ja der göttlichen Bestätigung des menschlichen L ngehorsams bis zur vielwortigen Nennung der fünf Könige, gegen welche die vier zogen. Logisch unzweideutig gesonderte und infolgedessen durch Punkt getrennte Sätze, wie etwa Kains entsetzliche Antwort: ,,Ich weiß nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?44 zieht die Wiedergabe des lebendigen, atmenden Zuges der Rede in eine Bewegung zusammen und gibt ihr so erst ihre ganze, sonst durch die logische Interpunktion halb verdeckte Entsetzlichkeit. Wiederum erhalten Kommas, ohne ihren logischen Charakter als untergeordnete Trenner einzubüßen, durch die hinzutretende Atemkehre ein geruhiges Ausschwingen, das ihnen im Gedränge der nebengeordneten oder im Geschiebe der untergeordneten Satzteile sonst notwendig verlorengehen muß. Diese Gliederung kann aber nur aus dem Text selbst heraus geschehen. Sie bleibt - wie letzthin im Übersetzen so vieles - ,,willkürlich", ,,\"ersuch". Nicht bloß für das Neue Testament, wo die Verseinteilung ja ein ganz spätes Produkt, erst des sechzehnten Jahrhunderts, ist und wo neuerdings die Koleneinteilung von verschiedenen Seiten1) propagiert wurde, sind keine überlieferten Anhaltspunkte vorhanden; sondern auch für das Alte liegt die Sache nur scheinbar anders. Denn hier gibt es zwar eine altüberlieferte, seit mehr als tausend Jahren in Zeichen festgelegte Interpunktion, auf der auch die gebräuchliche Verszählung beruht, und sogar eine denkbar intensive Interpunktion, die nämlich x) Norden, Agnostos Theos S. 361. Roland Schütz, Die Bedeutung der kolometrie für das N.T. (ZNTW 1922, 161ff). Roman Woerners Übersetzungen der Evangelien und der Apokalypse.

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