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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 126)
Language
German
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von der alle anderen Formen das, was sie an Legitimität besitzen, zu Lehn haben, an den Brief: um schon einzusehen, daß diese Legitimation der Schriftwerdung dem Wort von und an und vor Gott nie zuteil werden kann; Gott ist gegenwärtig, und wenn er durch Boten handelt, so sind das keine Briefträger, die ein Vorgestriges, inzwischen vielleicht schon von den Ereignissen Überholtes anbringen, sondern unmittelbar in diesem ihrem Augenblick handelt aus ihnen und spricht durch sie Gott. Deshalb ist es für die Schrift, für diese eine Schrift, eine Lebensfrage, daß nicht bloß neben ihr, sondern in ihr selbst das Wort erhalten bleibt. Das Gotteswort kann auf das Menschenwort, das wirkliche, gesprochene, lautende Menschenwort nicht verzichten, die Bibel allein erzwingt sich unter allen Büchern des literarischen Zeitalters, vorliterarischen wie literarischen, die vorliterarische Leseweise - mit dem hebräischen Ausdruck für Lesen, der dem Abendland vom Koran her bekannt ist und der (nicht etwa: Schreiben) auch für das Alte Testament die geläufigste Bezeichnung hergegeben hat: die Kria, den Ruf. Um dieser Forderung willen pflegen die Kulte alle die laute Lesung. Ihr diente in Luthers Übersetzung der Rückgriff auf die gesprochene Sprache des Volkes. Ob sie für die bestimmte Zeit und das bestimmte Volk erfüllt ist, diese Prüfungsfrage ergeht an jede neue Übersetzung. Die Fessel, die heute alles geschriebene Deutsch in Bande der Stummheit schlägt, ist das Zeichensystem, in das die Worte eingebettet liegen: die Interpunktion. Selbst wo ein geistvoll-eigenwilliger Schreiber, Hermann Grimm etwa, ihr rein logisches Gitter gesprengt hat - und mehr oder weniger sündigen wohl alle deutschen Schreibenden an diesem Punkt gegen ihre alten Schulmeister -, selbst da kommt es höchstens zu einer Annäherung an das mehr musikalische als logische Interpunktionsprinzip der Franzosen, das doch wieder dem durch seine freie Wortstellung in keine typischen Melodieen eingehenden Wuchs des deutschen Satzes nicht gemäß ist. Wo diese Fessel der Stummheit also um jeden Preis gesprengt werden muß, wie eben bei der deutschen Bibel für den heutigen lesenden, verlesenen, zerlesenen Menschen, da bedarf es eines schärferen Mittels. Martin Buber hat es gefunden. Vom Auge her sollte das Band der Zunge gelöst werden. Da mußte unter aller logischen Interpunktion, hier im Bunde, dort im Kampf mit ihr, das Grundprinzip der natürlichen, der mündlichen Interpunktion entbunden werden: der Atemzug

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