Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 125)
- Language
- German
- Belongs to
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Rettung des Menschen. Ein Mund mag noch so erbarmungslos sein, er ist doch von Fleisch und nicht von Papier; so wird er müde und läßt darum meist doch den Wechsel von Tag und Nacht in Geltung, er muß auch essen und mindestens dann wird er auch ein Plauderwort finden; das Buch aber ist unermüdlich, ohne Achtung für Tag und Nacht, ohne Sinn für das menschliche Bedürfen nach ausspannendem Wechsel. Mag der Mund also auch einer sein, der „nichts sagt, als was im Buche steht46, und mag der „heilige Geist" des mephistopheÜschen Spottworts, der Geist von Geistesgnaden, noch so dünn aus ihm rinnen, der wahre heilige Geist, der Geist des Menschen, wird durch ihn gerettet. Noch das Bildungsgeschwätz über den neuesten Roman, ja noch das Zeitungsfeuilleton darüber in seiner doch immerhin auf die Frühstückshalbstunde abgepaßten Länge hat etwas von solcher den Fluch der Literatur, ihrer Zeitlosigkeit, bannenden Segenskraft des Mündlichen. Aber ein Buch, und grade das Buch, von dem in unsrer, der jüdischchristlichen Kulturwelt jenes Verhängnis der Schrift werdung und Verliterarisierung des Worts seinen xAnfang nahm und an dem auch das Heilmittel, die mündliche Lehre, die Tradition, zuerst erprobt wurde, dieses eine Buch allein unter allen Büchern unseres Kulturkreises, gerade es kann sich nicht mit jenem Heilmittel der neben der Schrift bestehenden Mündlichkeit zufrieden geben; gerade es und allein es darf auch als Buch selber nicht ganz ins Schrifttum, nicht ganz in die Literatur eingehen. Sein einzigartiger Inhalt verwehrt grade ihm, ganz Schrift zu werden. Es muß Wort bleiben. Es kann nicht die selbständige, ästhetische Würde der Schrift gewinnen, weil es nicht die Vorbedingung dieser Würde, die Ferne, gewinnen kann. Denn sein Inhalt, das Wesentliche seines Inhalts, versagt sich der Verrückung ins Gegenständliche, Gegenüberstehende, - Verfaßte, das alles Literaturgewordene kennzeichnet. Literaturfähig ist hier nur das Beiwerk, an dem eine literarische Betrachtung infolgedessen hängen bleibt. Der wesentliche Inhalt aber ist grade das, was sich der festlegenden und fernrückenden Gewalt der Schrift entzieht: Wort Gottes an den Menschen, Wort des Menschen an Gott, ort der Menschen vor Gott. Man braucht nur an die legitimste, weil einer unmittelbaren Notlage abhelfende, also wahrhaft not-wendige, Form der Schriftlichkeit zu denken,