Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 124)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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FRANZ ROSENZWEIG DIE SCHRIFT UND DAS WORT Zur neuen Bibelübersetzung Alles Wort ist gesprochenes Wort. Das Buch steht ursprünglich nur in seinem, des gelauteten, gesungenen, gesprochenen, Dienst; so wie noch heute beim theaterlebendigen Drama oder gar bei der Oper. Nur so, so technisch, so mittelhaft, so vorläufig, wie wir da vom „Buch66 sprechen, nur so war einst Rang und Stand des Buchs überhaupt gegenüber dem gesprochenen Wort. Aber das Technische hat eine gefährliche Gewalt über seinen eigenen Herrn; unversehens wird aus dem Mittel ein Zweck, aus dem Vorläufigen das Endgültige, aus dem Technischen Magie. Das Buch, statt dem Wort zu dienen, wandelt sich zur wortbeherrschenden, wortverwehrenden, zur „heiligen Schrift66. Heilige Schriften, kommentiert „nach dem Buchstaben66, dem laut-losen, stummen, alexandrinischer Homer, neuplatonischer Piaton, jüdische und christliche Bibel, Koran, bezeichnen das Ende des wortdienstbaren, des mit vollkommener Selbstverständlichkeit laut gelesenen Buchs, wie es die Antike überall einzig kannte und wie es noch heute, wo antike Tradition lebendig ist, im jüdischen „Lernen66 etwa, bekannt ist; und sind die Vorläufer des modernen, des stummen, und weil stumm, deshalb vom Menschen losgelösten, mit unbegrenzten Möglichkeiten ausgestatteten, aber eben deshalb zu räumlicher und zeitlicher Heimatlosigkeit verdammten Buchs. Die Schrift im prägnanten Sinn, die heilige, eröffnet das unübersehbare, an keine menschliche Aufnahmekraft mehr sich bindende „Schrifttum66; dies Wort hat nur scheinbar einen edleren Ton als das fremde: Literatur, für das es eintritt; in Wahrheit spiegelt es wie dieses in seiner abstrakten Endung den hoffnungslosen Verzicht des Menschen, je mit diesem unendlichen Bücherhaufen zu Rande zu kommen. Wo Fluch ist, da sucht der Mensch notwendig nach Lösung vom Fluch. Mit der Schriftwerdung der schriftlichen zugleich entsteht überall eine sich an jene knüpfende mündliche Lehre. Sie ist überall, mag sie in sich noch so fragwürdig sein, wie es der „Rabulismus66 des Talmud, die Dialektik der scholastischen, der Vorlesungsbetrieb der modernen Universität, die „Wortverwaltung66 der protestantischen Predigt gewiß sind, doch durch die einfache Tatsache ihrer Mündlichkeit die 124